Gefährliche Wattwanderung 1946: Wie eine Tossenser Schulklasse der Flut entkam
Eine Schulklasse geriet 1946 vor Tossens bei einer Wattwanderung durch einsetzen Flut in Lebensgefahr. Die heute 87-jährige Elfriede Siemers erinnert sich an das prägende Kindheitserlebnis.
Die gebürtige Tossenserin Elfriede Siemers blickt mit ihren 87 Jahren auf ein langes Leben an der Küste zurück. Nach dem Krieg lebten viele Kinder in dem Ort, die mit ihren Familien aus Schlesien, Preußen und Pommern gekommen waren. Der Schulunterricht für 60 Schüler fand im Gebäude neben der St.-Bartholomäus-Kirche statt. An einem Sommertag um das Jahr 1946 zog ein Lehrer allein mit seiner Klasse vom Friesenstrand zu einer Wattwanderung los. Ziel war ein Leuchtturm mitten auf dem Meeresboden.<2>Dramatische Flucht durch steigendes WasserAls die Häuser an Land bereits klein geworden waren, bemerkte der Lehrer zu spät, dass die Flut eingesetzt hatte. „Das Wasser in den Prielen stieg langsam. Man sah nicht, wie es näher kam. Es kreiste uns ein“, erinnert sich Elfriede Siemers, wie die Nordsee-Zeitung berichtet. Der Rückweg war plötzlich versperrt und unter den Kindern brach Panik aus.
Die Eltern beobachteten die Szene vom Deich aus. Der Vater eines Schülers war Leuchtturmwärter im Arngaster Leuchtturm bei Dangast und begann der Gruppe per Handzeichen eine Richtung für die Flucht durch das Wasser zu geben.
„Das Wasser stand uns schnell bis zum Hals. Wir wussten nicht, wo ein Priel war oder wo wir Grund unter die Füße kriegen konnten“, sagt die Tossenserin. Einige der größeren Schüler wurden zum Anker für die Kleineren, die nicht schwimmen konnten. Um zu überleben, mussten die Kinder ihre Rucksäcke und Jacken zurücklassen. Vollkommen durchnässt erreichte die Gruppe in Ruhwarden schließlich die rettende Küste.
„Ich war nie wieder im Watt, das war vorbei“, sagt Elfriede Siemers. Auch die Schule bot eine solche Wanderung nie wieder an. Über ihren damaligen Lehrer sagt sie: „Er hat sich nicht schuldig gefühlt. Es waren andere Zeiten. Wer aufmüpfig war, bekam noch Schläge mit dem Rohrstock oder ihm wurde das Ohr umgedreht.“
Aufklärung über die Gefahren der Nordsee
Im Jahr 1963 heiratete Elfriede ihren Mann Horst Siemers. Der Langwarder gehörte ebenfalls zu den Kindern, die den Ausflug miterlebt hatten. Seine Frau verwaltete das Zollhaus am Deich, er lernte Bäcker und arbeitete später bei Airbus. Das Ehepaar machte es sich zur Aufgabe, Urlauber in Tossens auf die Gefahren im Watt aufmerksam zu machen. Am Zollhaus brachten sie eine Tafel mit folgender Aufschrift an: „Bitte gehen Sie nicht ohne Wattführer ins Watt und folgen Sie seinen Anweisungen.“Horst Siemers ist vor zwei Jahren verstorben. Seine Frau ist inzwischen Urgroßmutter zweier Enkel, mit denen sie an den Strand geht, jedoch nicht ins Watt. Schwimmen brachte sich Elfriede Siemers nach dem Vorfall in ihrer Kindheit schnell selbst bei. Der Leuchtturm, zu dem die Schulklasse damals aufbrechen wollte, existiert heute nicht mehr.