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Strom, Wasser, Wärme: Wie sich Helgoland selbst versorgt
Fernab des Festlands muss Helgoland fast seine gesamte Energie selbst erzeugen: Strom kam erst 2009 als letzte Gemeinde Deutschlands ans Verbundnetz, das Trinkwasser wird aus der Nordsee gewonnen, und geheizt wird mit der Abwärme, die bei beidem ohnehin anfällt. Ein Rundgang durch den wohl größten "Hausanschlussraum" der Insel - zu finden bei Hausnummer 1410.
Wo der Strom herkommt
Was in einem Festlandhaus der kleine Hausanschlussraum im Keller ist, sind auf Helgoland die Versorgungsbetriebe Helgoland (VBH) mit ihrem markanten Abgasturm im Nord-Ost-Land. Hier entstand bereits 1954 das erste "E-Werk" mit dem bis heute genutzten Kesselhaus und Dieselwerk. Anfangs reichte ein 8-Zylinder-Dieselgenerator; im Laufe der Jahre kamen sechs weitere hinzu, um Strom- und Notstromversorgung zu sichern (zwei Dieselaggregate zu je 1,7 MW und fünf Notstromdiesel mit zusammen 1,5 MW).
1990 wagte man eine erste Energiewende und errichtete "Growian 2" (technische Bezeichnung WKA 602), mit 1,2 MW Leistung und einem 44 Meter hohen Turm die bis dahin größte Windkraftanlage Deutschlands. Doch die Anlage erwies sich nicht als inseltauglich: Binnen fünf Jahren schlug der Blitz dreimal in die Rotoren ein, die Wartungskosten stiegen, und 1995 wurde "Growian 2" wieder demontiert. Sie habe zeigen sollen, "dass es nicht geht", soll ein beteiligter Unternehmenssprecher gesagt haben.
2007 begann die Planung eines Seekabels, weil der störungsfreie Betrieb der alternden Dieselgeneratoren nicht mehr sichergestellt war. 2009 wurde Helgoland als letzte Gemeinde der Bundesrepublik über das "Helgolandkabel" an das Europäische Verbundsystem angeschlossen. Das 53 Kilometer lange, 800 Tonnen schwere und rund 20 Millionen Euro teure Seekabel von Sankt Peter-Ording wurde aus einem einzigen Stück gefertigt, um wartungsintensive Unterwasserarbeiten zu vermeiden. Es spart jährlich etwa 7 Millionen Liter Diesel und rund 17.500 Tonnen CO2 ein.
Die Dieselgeneratoren blieben dennoch in ständiger Bereitschaft - zu Recht: 2022 führte eine Störung in einer Trafostation auf dem Festland zu einem inselweiten Stromausfall. Die vorgehaltenen Generatoren übernahmen die Versorgung, die Straßenzüge wurden einzeln wieder aufgeschaltet. Wo beim Hochfahren Bauteile ausfielen, half man sich unkompliziert: Ein Gastronom versorgte die Insel-Apotheke stundenlang über zwei 50-Meter-Kabeltrommeln mit Strom.
Wo das Wasser herkommt
"Aus dem Hahn" wäre die einfache Antwort - doch so einfach ist es nicht. Helgoland hat keine Trinkwasserleitung zum Festland, und auch das Abwasser wird weder abgepumpt noch verschifft. Bis in die 1970er-Jahre besaß jedes Haus einen eigenen Kellerraum zum Sammeln von Regenwasser (helgoländisch "Rainweeter"). Dieser Raum hieß und heißt "Kiil". Über mehrere Filterstufen aufbereitet, war das Regenwasser erstaunlicherweise trinkbar - dieses "Faarsk Weeter" diente zum Kochen. Aus allen anderen Leitungen kam Brackwasser, ein Gemisch aus Salz- und Süßwasser; Zähneputzen schmeckte den Überlieferungen nach entsprechend.
1972 änderte die Inbetriebnahme einer Meerwasserentsalzungsanlage nach dem Verdampferprinzip diesen Geschmack. In den 1990er-Jahren folgte eine Kombination aus Brack- und Meerwasser-Umkehrosmose, 2019 die Umstellung auf reine Meerwasser-Umkehrosmose. Die vier Brackwasserbrunnen wurden stillgelegt; sie sind vom Norderfalm aus im Nord-Ost-Land noch zu sehen. Heute wird das Salzwasser über zwei Entnahmestellen am Nord-Ost-Bohlwerk mit vier Tauchpumpen direkt aus der Nordsee gefördert - bis zu 40.000 Liter Trinkwasser pro Stunde. Chemische und biologische Fremdstoffe sind dank Umkehrosmose nicht mehr nachweisbar, und ein Wasserenthärter ist überflüssig. Diese Qualität hat ihren Preis: 7 bis 8 Euro pro Kubikmeter gegenüber 1 bis 2 Euro im Landesschnitt.
Wo die Wärme herkommt
Bleibt die Frage nach der Wärme. Eine Ölheizung braucht zu viel Platz, Gasleitungen wurden beim Wiederaufbau nie verlegt, und Pelletkessel scheitern ebenfalls am Raum. Die Lösung ist so naheliegend wie sparsam: Seit 1962 wird die Abwärme, die bei der Strom- und Trinkwassergewinnung entsteht, zum Heizen genutzt und ins Fernwärmenetz gespeist. 1985/86 wurde auf ein Blockheizkraftwerk modernisiert. Heute verfügt das Gebäude mit der Hausnummer 1410 über moderne Rauchrohrkessel mit 13,5 MW Heizleistung und ein 17,5 Kilometer langes Fernwärmenetz mit 675 Hausanschlüssen.
Der markante Abgasturm wurde 1962 von der Deutschen Babcock erbaut und 1987 auf 85 Meter erhöht. Die Edelstahl-Abgasleitung hat einen Innendurchmesser von 800 Millimetern; Abgasgebläse mit 200 kW Leistung schaffen eine Abzugsleistung von 77.000 Kubikmetern pro Stunde. Nebenbei trägt der Turm Mobilfunk- und Richtfunkantennen, Antennen des Alfred-Wegener-Instituts - und zur Weihnachtszeit leuchtende Sterne.
Quellen:
- Versorgungsbetriebe Helgoland (VBH)
- Statistikamt Nord
- Iip Lun, Ausgaben 07/2024, 08/2024 und 09/2024