Reanimation in Westerland: Junge Insulaner begleiten geschockten Ehemann
Nachdem eine Urlauberin am Strand von Westerland reanimiert werden musste, nahmen sich zwei junge Helfer ihres Ehemanns an. Sie organisierten die Fahrt und brachten den 88-Jährigen bis in die Flensburger Klinik.
Als am Strandübergang bei Pius in Westerland die Rettungsschwimmer vom Turm sprinteten, wusste Francesca Rehage sofort, dass es sich um keinen Fehlalarm handelte. Die 21-Jährige, auf Sylt aufgewachsen und heute Lehramtsstudentin in Hamburg, saß im Sommer zuvor selbst als Rettungsschwimmerin auf einem Turm, wie die shz berichtet. Reflexartig griff sie nach einem Handtuch, da nasse Haut vor dem Anbringen von Defibrillator-Pads getrocknet werden muss. Im Wasser trieb eine 77-jährige Urlauberin aus München leblos und ohne Puls am Strand begann der Kampf um ein Leben.
Während Francescas Freund, Rettungsschwimmer Vincent, und dessen Kollege Matti die Verunglückte aus den Wellen retteten, setzte Francesca mit dem Handy einer Passantin den Notruf mit präziser Angabe der Rettungsstand-Nummer ab. Urlaubende Ärzte und Rettungskräfte im Einsatz eilten herbei, beatmeten, schockten und intubierten. Inmitten des Geschehens fiel der 21-Jährigen ein älterer Herr auf, der etwas abseits stand und sichtlich mitgenommen wirkte: Dietrich Botsch (88), der Ehemann.
„Ich bin dann zu ihm gegangen und habe gefragt, ob er der Mann ist“, erinnert sich Francesca. Behutsam nahm sie ihn beiseite, damit er die laufende Reanimation nicht unmittelbar mitansehen musste. Sie setzte sich hinter ihn in den Sand, seinen Rücken an ihren Knien abgestützt. „Ich dachte, falls es ihm nicht gut geht, sitzt er so wenigstens sicher.“ Sie versuchte, Ruhe auszustrahlen, erfragte wichtige Vorerkrankungen für die Notärzte und blieb bei ihm, während das Rettungsteam um das Leben seiner Frau kämpfte.
Fahrt über das Festland nach Flensburg
Vier Minuten lang war die Münchnerin klinisch tot, bevor ihr Herzschlag wieder einsetzte. Der Rettungshubschrauber hob daraufhin Richtung Flensburger Diako-Klinik ab. Für Angehörige greift in solchen Lagen oft kein behördliches Netz, da die formale Zuständigkeit der Einsatzkräfte endete, weil der 88-Jährige stabil war. Dietrich Botsch wollte aufgelöst mit dem E-Bike losfahren und seine Familie nicht alarmieren, da das Enkelkind gerade Geburtstag feierte.„Ihn allein zu lassen, kam für mich nicht infrage“, sagt Francesca. Als sie merkte, dass der 88-Jährige die Lage noch nicht vollständig zu erfassen schien, verdeutlichte sie ihm die Situation: „Ich habe ihm gesagt, dass es sehr wichtig ist, dass er gerade in dieser schweren Zeit für seine Frau da ist, da die Situation möglicherweise ernster ist, als er zunächst denkt.“
Vincent brachte den früheren Siemens-Vorstand daraufhin im Privatauto in die Ferienwohnung, wo sie gemeinsam Taschen packten. Anschließend ging es mit dem Autozug über das Festland. Vom Beifahrersitz aus organisierte Francesca per Telefon ein Hotelzimmer mit Nachtportier in Flensburg und besorgte an einer Tankstelle Verpflegung. Gegen 21 Uhr übergaben die Helfer Dietrich Botsch in der Notaufnahme.
Danach traten sie die Rückreise nach Niebüll an, da sie um diese Zeit mit dem Auto nicht mehr auf die Insel gelangten. „Wir haben viel miteinander gesprochen. Auch mit Familie und Freunden“, sagt Francesca. In Westerland gab es für die beiden zunächst einen Burger. Die 77-Jährige erholt sich mittlerweile in München, und der Sylt-Urlaub für das kommende Jahr ist gebucht.