Niedersachsens Denkmalschutzreform in der Kritik: Archäologen befürchten Verlust historischer Funde
Die niedersächsische Landesregierung möchte den Denkmalschutz vereinfachen und Bauverfahren beschleunigen. Experten warnen jedoch, dass unentdeckte Bodendenkmäler künftig ungeschützt zerstört werden könnten.
Auf einem Acker bei Salzderhelden im Landkreis Northeim sucht Archäologe Markus Wehmer nach Spuren vergangener Zeiten. Neben einer Gürtelschnalle aus dem 6. Jahrhundert aus dem ehemaligen Reich der Westgoten deuten zahlreiche Funde darauf hin, dass dort eine ganze Siedlung im Boden liegt. Für Wehmer ist die Fundstelle einmalig in Niedersachsen. „Das hier haben wir vor Kurzem hier gefunden“, sagt er. Er sorgt sich um die geplante Neuregelung: „Doch wenn die Reform kommt, könnten genau solche Spuren im Boden zerstört werden.“
Die Landesregierung hatte Anfang Juli die Eckpunkte vorgelegt. Bei Erdarbeiten soll künftig grundsätzlich nur noch dann eine denkmalrechtliche Genehmigung nötig sein, wenn eine Fundstelle im Denkmalatlas PRO des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege erfasst ist. Dort sind rund 115.000 Fundstellen verzeichnet. Wo bislang nichts bekannt ist, soll eine Voruntersuchung nicht mehr grundsätzlich vorgeschrieben werden.
Befürchtungen der Archäologen
Archäologen sehen darin eine große Gefahr für bisher unentdeckte Denkmäler. „Bisher war es uns möglich, bekannte oder auch unbekannte Denkmäler zu schützen und bei Bedarf auszugraben“, sagt Jan Kegler von der Archäologischen Kommission für Niedersachsen. Er schätzt den Anteil der bekannten Denkmäler gering ein: „Wir gehen davon aus, dass 10 bis 25 Prozent der tatsächlich vorhandenen Bodendenkmale überhaupt bekannt sind.“Gemeinsam mit dem Bündnis „Jahrtausende retten“ wurde eine Petition gestartet. Wie die Tagesschau berichtet, übergaben die Fachleute am Dienstag mehr als 12.000 Unterschriften an den Landtag. „Wenn wir nur noch schützen, was bereits bekannt und verzeichnet ist, nehmen wir in Kauf, dass ein großer Teil unseres kulturellen Erbes unentdeckt verloren geht“, erklärt Ingo Eichfeld, Initiator der Petition.
Haltung von Politik und Bauwirtschaft
Kulturminister Falko Mohrs (SPD) weist die Kritik zurück. Der Denkmalatlas sei eine „belastbare und objektive Grundlage“. Mohrs argumentiert: „Die Alternative wäre ja, dass ich überall im Zweifel im gesamten Land immer vorsorglich schon eine Voruntersuchung durchführe.“ Werden bei Bauarbeiten Funde entdeckt, müssten diese weiterhin gemeldet und geschützt werden. Eine freiwillige Voruntersuchung bleibe möglich. „Das macht es pragmatischer, das macht es schneller und das macht es auch günstiger“, so Mohrs.Grundsätzliche Zustimmung kommt von der Bauwirtschaft, die jedoch vor neuen Praxisproblemen warnt. Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen Thomas Behnke betont: „Bürokratieabbau darf jedoch nicht dazu führen, dass gut planbare Prüfungen vor Baubeginn lediglich durch unvorhersehbare Baustopps und neue Kostenrisiken während der Bauphase ersetzt werden.“ Gefragt seien klare Zuständigkeiten, verhältnismäßige Prüfungen, verbindliche Entscheidungsfristen sowie ausreichend Personal und Fachwissen bei den unteren Denkmalschutzbehörden.