Ernte teilen statt Gemüse kaufen: Wie solidarische Landwirtschaft in der Praxis funktioniert
Seit 14 Jahren wird in Dahlum im Landkreis Wolfenbüttel das Modell der solidarischen Landwirtschaft umgesetzt. Landwirtin Lea Nagel berichtet über Risikoverteilung, Kosten und die Ideologie hinter dem Konzept.
Konzept und Risikoverteilung
In einem Interview mit Matthias Zimmermann für die Tagesschau schildert Landwirtin Lea Nagel die Entstehung ihres Betriebs: „Ich habe 2013 den Betrieb meiner Eltern übernommen. Die haben vorher schon Gemüse angebaut und auf Märkten verkauft. Ich habe dann daraus eine solidarische Landwirtschaft gemacht. Das heißt, meine Mitglieder beteiligen sich am Hof, tragen das Jahresbudget mit und kriegen dafür alles, was ich anbaue.“Zum Grundgedanken des Modells und der Risikoverteilung führt Nagel aus: „Eine solidarische Landwirtschaft bedeutet für mich, dass ich solidarisch mit meinen Mitgliedern bin. Und auch, dass die Mitglieder solidarisch mit mir und den anderen Personen am Hof sind. Das heißt, dass die Mitglieder die Finanzierung für den Hof mittragen und auch alle Investitionen mittragen. Das Anbaurisiko ist somit auf die Mitglieder aufgeteilt. Ich habe so wenig Risiko und die Mitglieder eigentlich auch. Sie tragen dann auch das Risiko von Missernten mit. Aber sie profitieren auch, wenn es richtig gut läuft - und das tut es meistens. Dann kriegen sie richtig viel Gemüse.“
Anteile und Preisgestaltung
Über die Funktionsweise der Ernteanteile sagt Nagel: „Ein Anteil ist ungefähr so viel, wie eine Familie im Durchschnitt essen kann. Es wird wöchentlich ausgeliefert - von April bis Dezember. Und von Januar bis März alle zwei Wochen, also das ganze Jahr durch. Man kann auch halbe Anteile erwerben, sodass man sich auch als alleinstehende Person, kleine Familie oder Studenten-WG einbringen kann.“Zur Zusammensetzung der Mitgliedschaft und den Beiträgen erklärt Nagel: „Jeder kann Mitglied werden und solidarisch heißt auch, dass wir mit dem Mitgliedspreis solidarisch sind. Das heißt, es gibt einen Richtwert, an dem man sich orientieren kann und einen unteren und einen fiktiven oberen solidarischen Beitrag. Das heißt, dass Menschen mit mehr Einkommen oft mehr zahlen, um die Menschen mit wenig Einkommen zu unterstützen, damit sie auch dabei sein können.“
Zu den aktuellen Kosten und Selbstpflückangeboten erläutert Nagel: „Dieses Jahr mussten wir wieder ein bisschen anziehen. Es ist relativ hoch - ist aber auch dem geschuldet, dass die Anteile ziemlich groß sind. Ein Anteil ist im Moment beim Monatsrichtwert von 204 Euro, beim halben Anteil natürlich die Hälfte. Man bekommt auch nicht nur das Gemüse, das hier jetzt angebaut wird. Man kann auch selber vorbeikommen und zur Erdbeer-Saison Erdbeeren pflücken und dann zur anderen Beeren-Saison kann man auch Brombeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren und dann später auch Zwetschgen hier vor Ort pflücken, so viel wie man möchte.“