Vom Werftarbeiter in die Wohnungslosenhilfe: Die Lebensgeschichte von Ralf Kondziela
Nach einem schweren Arbeitsunfall vor über 20 Jahren geriet das Leben von Ralf Kondziela aus den Fugen. Heute lebt der gebürtige Bederkesener in einer Einrichtung für wohnungslose Menschen.
Ralf Kondziela absolvierte bei der Lloyd-Werft eine Ausbildung zum Rohrinstallateur und reparierte elf Jahre lang Rohrleitungen auf Schiffen. Als das Unternehmen in finanzielle Schieflage geriet und ihm eine hohe Abfindung angeboten wurde, entschied er sich zur Kündigung: „Dann habe ich gekündigt“, erzählt er. Einer Frau wegen zog er nach Koblenz und arbeitete dort in einer Papierfabrik. Nach der Pleite des Betriebs litt auch die Beziehung: „Wir haben uns ganz doll in die Wolle gekriegt“, berichtet er. Nach vier Jahren kehrte er in den Norden zurück und arbeitete für Leihfirmen, bis ein schwerer Arbeitsunfall sein Leben veränderte.
Bei dem Sturz von einem Gerüst erlitt er schwere Verletzungen. „Und dann hat es nur geknackt“, berichtet Kondziela. Die Folgen waren ein gesplitterter Meniskus, ein gebrochener Knöchel, gebrochene Zehen sowie zwei angebrochene Rippen. „Und der Rückenwirbel hat auch noch was abbekommen“, fügt er hinzu. Ein Kollege stürzte ebenfalls und landete auf ihm: „Der hat sich nur die Hand gebrochen“, sagt Kondziela. Während dessen Leben weiterging, musste Kondziela ein neues finden, wie die Nordsee-Zeitung berichtet.
Folgen des Unfalls und Wohnungswechsel
Der Unfall liegt über 20 Jahre zurück, und Arbeiten war nicht mehr möglich. Kondziela war anfangs auf Krücken angewiesen und nutzt mittlerweile einen Rollator. „Je älter man wurde, desto größer wurden auch die Probleme“, sagt er. Schließlich konnte er die Miete nicht mehr zahlen: „Ich bin aus meiner Wohnung in Bad Bederkesa geflogen, weil ich die Miete nicht mehr bezahlen konnte“, erzählt er.Es folgten Stationen im Männerwohnheim und im Wilhelm-Wendebourg-Haus, einem stationären Hilfeangebot für wohnungslose Menschen der Gesellschaft für integrative soziale Beratung und Unterstützung (GISBU). Später zog er wieder in eine eigene Wohnung, in der er schließlich einen Kollegen tot vorfand. „Die Zunge hing aus dem Mund, er war eiskalt und hatte keinen Puls mehr“, beschreibt er den Vorfall. Kondziela verließ die Unterkunft daraufhin und erklärte der Hausverwaltung: „Ich kann hier nicht bleiben. Jedes Mal, wenn ich die Tür aufmache, sehe ich ihn in dem Sessel sitzen“. Danach zog er wieder in ein Appartement im Wilhelm-Wendebourg-Haus.
Durch die vielen Umzüge ging viel Hab und Gut verloren. „Das Einzige, was ich noch habe, ist der Silberlöffel vom Teeservice meiner Oma“, erzählt er. Der Löffel hat einen zentralen Platz auf einer Kommode in seinem Appartement.
Alltag und Erinnerungen an die Heimat
Ein Besuch in einem nahe gelegenen Café ist für Kondziela mit großer Anstrengung verbunden. Für die rund 600 Meter lange Strecke benötigt er viel Zeit: „Wenn ich gut bin, brauche ich eine Dreiviertelstunde“, sagt er. Dort trinkt er Cappuccino und isst Käsekuchen: „Das ist mein Lieblingskuchen von früher“, erklärt er. Kontakt zur Familie besteht nicht mehr, da viele Angehörige verstorben sind oder aus dem Blick verloren wurden.Austausch hat er mit anderen Bewohnern der Einrichtung. Zusammen mit ihnen und einer Betreuungskraft des Roten Kreuzes geht es donnerstags zum Einkaufen. Pro Woche stehen ihm 80 Euro zur Verfügung: „Da bleibt am Ende nicht viel übrig“, meint er.
Bad Bederkesa bleibt seine Heimat: „Woanders kennt man ja nichts, man kennt auch nicht die Geschichte“, erklärt er. Eine Betreuerin des Roten Kreuzes kennt er noch aus der Schulzeit: „Sie hat mir schon Bücher mitgebracht, die unser Lehrer geschrieben hat“, erzählt er. Aus seiner Jugend auf der Burg erinnert er sich schmunzelnd an verbotene Spiele: „Aber irgendwann hat die Polizei auch mal Feierabend“.