Kampf gegen Menschenhandel in Schleswig-Holstein: Hohe Dunkelziffer vermutet
Die Polizei in Schleswig-Holstein steht im Kampf gegen Menschenhandel vor großen Herausforderungen, da viele Fälle im Verborgenen bleiben. Die Fachberatungsstelle „contra“ unterstützt Betroffene, die oft durch Drohungen und falsche Versprechungen festgehalten werden.
Die Ermittlungen im Bereich der sexuellen Ausbeutung gestalten sich für die Polizei schwierig, da Zuhälter ihre Geschäfte fast vollständig digital über das Internet abwickeln. Wie die Tagesschau berichtet, handelt es sich hierbei um ein Kontrolldelikt, das meist nur durch aktive Kontrollen aufgedeckt werden kann. „Menschenhandel ist ein Kontrolldelikt“, sagt LKA-Sprecherin Carola Jeschke. Im Jahr 2024 wurden in Schleswig-Holstein laut Landeskriminalamt (LKA) lediglich acht Ermittlungsverfahren eingeleitet, weshalb die Behörden von einem großen Dunkelfeld ausgehen.
Die Methoden der Täter
Nach Angaben der Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel in Schleswig-Holstein, contra, nutzen Täter häufig die sogenannte „Loverboy-Methode“. Dabei wird jungen Frauen eine Liebesbeziehung vorgetäuscht, um sie anschließend in die Prostitution zu manipulieren. Oft betrifft diese Kriminalität den Migrationskontext, in dem Frauen in Notsituationen im Heimatland mit falschen Versprechungen, wie etwa einer Arbeitsstelle in der Gastronomie, angeworben werden. Fachberaterin bei contra Linda Steiger erklärt dazu: „Wenn die Betroffenen in Europa ankommen, wird ihnen gesagt, dass sie jetzt ihre Schulden mit Zwangsprostitution abarbeiten müssen.“
Ausweglosigkeit durch Drohungen
Ein Entkommen aus dieser Situation ist für die Opfer kaum möglich, da die Täter gezielte Druckmittel im In- und Ausland einsetzen. „Die Betroffenen befinden sich unter extremen Zwängen, weil die Familien im Heimatland nicht von hiesigen Polizeibehörden geschützt werden können und real bedroht werden“, berichtet Steiger. Hinzu kommt eine auslandspezifische Hilflosigkeit, da viele Opfer ihre Rechte sowie die deutsche Sprache nicht kennen. Zudem drohen die Täter häufig mit einer Abschiebung, sollten sich die Betroffenen an die Polizei wenden.
Hilfsangebote im Norden
Die Beratungsstelle contra betreut nach eigenen Angaben jährlich etwa 60 bis 90 Fälle. Betroffen sind sowohl Drittstaatsangehörige und EU-Bürgerinnen als auch Deutsche. Neben der sexuellen Ausbeutung spielt auch Zwangsarbeit, beispielsweise in der Landwirtschaft oder bei Paketdiensten, eine Rolle. Die Kontaktaufnahme erfolgt über ein mehrsprachiges Internetangebot, durch Zuweisungen aus Erstaufnahmeeinrichtungen, über den Zoll, die Polizei oder aufmerksame Privatpersonen. „Contra hilft konkret mit sicheren Unterkünften, Notversorgung, medizinischer Hilfe und der Vermittlung von spezialisierten Rechtsanwältinnen“, so Steiger.