Konflikt an der Ostsee: Strandreinigung belastet die Küstenökologie
Viele Ostseegemeinden säubern ihre Strände maschinell für den Tourismus. Umweltschützer warnen jedoch vor den negativen Folgen für Pflanzen und Tiere an den Küsten.
Müll wegräumen ist ja gut, aber lasst mir bloß die Strandfloh-Kumpels im Sand.
— Rocky, Chefkolumnist
Illustration: KI-generiert
Viele Gemeinden in Schleswig-Holstein reinigen ihre Strände mit Siebmaschinen, um den Urlaubern feinen Sand zu bieten. Diese intensive Pflege stößt jedoch auf Kritik von Umweltschützern, da sie die Tier- und Pflanzenwelt an den Küsten schädigt. Nun wird nach Wegen gesucht, wie Tourismus und Naturschutz im Einklang existieren können. Zweimal in der Woche startet Sebastian Wähnert seine Arbeit am Hauptstrand von Eckernförde im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Er leitet das sechsköpfige Team der Strandreinigung. Mit einem Trecker zieht er eine Maschine, die den Strand vom Müll befreit. Eine Walze mit langen Zinken durchpflügt den Sand und schaufelt ihn auf eine Siebkette, in deren feinen Maschen alles hängen bleibt, was größer als drei Zentimeter ist. Im Auffangkorb zeigt sich die Ausbeute aus Zigarettenstummeln, Kronkorken, Plastikverpackungen, Steinen, Algen und Stöcken. Ein sauberer Strand mit feinem Sand gilt für Eckernförde als Aushängeschild, da die Menschen diesen besonders feinen und schönen Sandstrand sehr schätzen. Besonders in den Sommermonaten, wenn viele Urlauber an die Küsten nach Schleswig-Holstein kommen, fällt mehr Müll an den Stränden an, wie Touristiker im ganzen Land berichten. In Eckernförde entsorgt das Strandreinigungsteam in der Saison täglich bis zu 500 Kilogramm Müll. Auch in Travemünde habe sich der Müll mit den steigenden Besucherzahlen in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, berichtet die Stadt Lübeck. Um den Strand sauber zu halten, gehen die Gemeinden unterschiedliche Wege. In Eckernförde und Laboe werden in der Saison mehr Mülltonnen aufgestellt. Zudem wird der Strand per Hand abgesammelt oder es kommen Maschinen zum Einsatz. Dies verursacht hohe Kosten: Laboe gibt für Strandreinigung und Müllentsorgung circa 20.000 Euro im Jahr aus, in Timmendorfer Strand waren es im vergangenen Jahr 70.000 Euro und in Travemünde belaufen sich die jährlichen Kosten auf circa 270.000 Euro, wie die Tagesschau berichtet.
Kritik von Umweltschützern an der Strandpflege
Während Strandbesucher den sauberen Sand schätzen, schlagen Umweltschützer Alarm. Die viel genutzten Strände würden "überpflegt" werden, warnt Ole Eggers, Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Schleswig-Holstein. Die Siebmaschinen würden laut Eggers neben Müll auch kleine Tiere wie Meeresasseln, die sich im Seegras an der Wasserkante befinden, aussieben. Dieser sogenannte Spülsaum sei vor allem für Vögel eine wichtige Nahrungsquelle, erklärt Joachim Schrautzer, Professor für Ökologie an der CAU Kiel. Zudem diene das Seegras als natürlicher Sandfang. Ein weiteres, unsichtbares Problem im Sand ist Mikroplastik. Diese winzigen Kunststoffteilchen, die kleiner als f開f Millimeter sind, entstehen durch das Zerreiben von Kunststoff im Sand und können von den Reinigungsmaschinen nicht ausgesiebt werden. "Es kommt in die Nahrungskette des Meeres und am Ende der Nahrungskette steht ein Mensch. Wir nehmen den Müll, den wir hier hinterlassen, zum Schluss wieder auf", so Umweltschützer Ole Eggers.
Forderungen und alternative Lösungsansätze
Um das Leben am Strand zu schützen, fordert der BUND mehr abgegrenzte Bereiche wie kleine Strandinseln, die von Strandbesuchern und ihren Hunden nicht betreten werden dürfen. "Wir brauchen Strandbereiche, die nicht gereinigt werden, damit die normale Fauna, die sich an einem Strand entwickelt und damit Nahrung ist, auch für die Brutvögel, sich entwickeln kann", sagt Landesgeschäftsführer Ole Eggers. In Eckernförde ist man sich dieser Kritik bewusst. Sebastian Wähnert versucht mit seiner Maschine den Spülsaum zu meiden, es sei denn, es wird zu viel Seegras angespült. Um die Maschine künftig weniger einzusetzen, plant Michael Keller, Geschäftsführer der Eckernförde Tourismus- und Marketing GmbH, ein E-Quad anzuschaffen. Damit sollen die Mitarbeiter der Strandreinigung den Strand schnell abfahren und den Müll per Hand einsammeln können.
Erfolgreiche Beispiele und Bürgerengagement
Ein gutes Beispiel für das Funktionieren von intensiver Strandnutzung und Naturschutz sieht Ökologie-Professor Joachim Schrautzer am Eckernförder Südstrand. In diesem Europaschutzgebiet haben die Stadt und die Tourismus GmbH abgesperrte Inseln angelegt, auf denen sich Strandpflanzen wieder ausbreiten können. Damit dieser Spagat gelingt, brauche es laut Schrautzer eine gute Kommunikation, beispielsweise durch Informationstafeln, um die Strandbesucher miteinzubeziehen. Zudem kann jeder selbst dazu beitragen, dass weniger gereinigt werden muss, indem er seinen Müll wieder mitnimmt. Für einen sauberen Strand und eine saubere Stadt engagiert sich auch der gemeinnützige Verein "Eckernförde räumt auf". In der Touristeninformation und in mehreren Läden können Müllgreifer und Tüten ausgeliehen werden. Als Dankeschön für eine volle Mülltüte gibt es einen Gutschein, der an verschiedenen Stellen in der Stadt eingelöst werden kann.
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