Geführte Tour durch den Schlick: Auf den Spuren der Geschichte von Langlütjen II
Der 86-jährige Wattführer Theo Köhne bietet exklusive Touren zur geschichtsträchtigen Insel Langlütjen II an. Die Wanderung verbindet sportliche Herausforderung mit Einblicken in die bewegte Historie des Denkmals.
Zweimal im Jahr bietet der erfahrene Wattführer Theo Köhne eine Wanderung zur ehemaligen Festungsinsel Langlütjen II an. Die dreistündige Tour durch das Watt ist stets schnell ausgebucht, da nur er die Erlaubnis hat, Gruppen auf die private Insel zu führen. Neben der sportlichen Herausforderung vermittelt die Wanderung auch historische Einblicke in die Vergangenheit der ehemaligen Festung, berichtet die Nordsee-Zeitung. An einem sonnigen Samstag bei 25 Grad und einer Ebbe um 16.56 Uhr versammeln sich rund 30 Personen am Landhaus Tettens. Wattführer Theo Köhne, schlank und braun gebrannt in kurzer Jeans, „selbst gekürzt vor 40 Jahren, da habe ich mit den Führungen begonnen“, hakt die Teilnehmerliste ab. Unter den Wanderern befindet sich Sebastian aus Jaderberg, der die Ankündigung auf Facebook gesehen und sofort gebucht hat. Auch Monika, die vor zehn Jahren schon einmal dabei war, sowie Urlauber aus Nordrhein-Westfalen und zwei Kinder nehmen an der Tour teil. Seit 2006 gehört die 31.000 Quadratmeter große Insel dem Bremer Torsten Bausch.
Sicherheitsvorkehrungen und der Weg durch den Schlick
Vor dem Start meldet Köhne der Wasserschutzpolizei das Ziel der Wanderung und die ungefähre Zeit der Rückkehr, da er sich strikt an die Richtlinien hält. Ein Patch am linken Arm seines Hemdes weist ihn als Mitglied der „Wattführergemeinschaft“ aus. Im Gänsemarsch geht es über den Deich bis ans Watt, von wo aus die rund drei Kilometer entfernte Insel Langlütjen bereits zu sehen ist. Der Wattführer empfiehlt, barfuß weiterzulaufen, und erklärt: „Wir haben keine Muscheln im Watt. Da braucht ihr euch keine Gedanken drum zu machen. Falls jemand gleich merkt, dass es ihm zu anstrengend ist, bringe ich ihn zurück.“
Mit seinen 86 Jahren ist Köhne der älteste Teilnehmer der Gruppe. Beim Marsch durch den grau-braunen Schlick versinken die Füße der Wanderer langsam im Boden. In der rechten Hand schwingt Köhne einen Dreizack, mit dem er nach kleinem Getier sucht und in den Boden sticht, bevor er die teils knietiefen Prile durchquert. Der in Blexen aufgewachsene Wattführer wanderte bereits mit zwölf Jahren zum ersten Mal mit Freunden zur Insel. Während der Pausen zeichnet er mit seiner Forke Skizzen in den Schlick, um die Gezeiten zu erklären, und spricht über die Entstehung der Landschaft, den Konflikt um die Weservertiefung sowie den Containerhafen von Bremerhaven.
Denkmalschutz und die dunkle Geschichte der Insel
Nach einer knapp zweistündigen Wanderung erreicht die Gruppe die Ostseite von Langlütjen, wo morsche Holzbohlen den ehemaligen Anleger aus den 1870er-Jahren markieren. Über ein Fundament aus Betonplatten gelangen die Teilnehmer zu einer Steinmauer. Eine Teilnehmerin äußert erschöpft: „Ich hätte nicht gedacht, dass die Wanderung so anstrengend ist“. Im Jahr 1991 setzte sich Köhne dafür ein, dass Langlütjen I und II unter Denkmalschutz gestellt werden. „Nicht wegen ihrer Vergangenheit, sondern wegen der baulichen Leistung“, betont er und verweist auf die schwierigen Bedingungen, unter denen die Arbeiter die Pfähle im Meeresgrund einrammten.
Die künstliche Insel beherbergt ein Fort, das von einem tiefen Festungsgraben mit sechs Meter hohen, glatten Wänden umgeben ist. Ein Schild warnt vor dem Betreten der Anlage, deren umliegender Weg zugewuchert ist. Die Insel hat zudem eine düstere Vergangenheit: Von September 1933 bis Januar 1934 betrieben die Nationalsozialisten hier ein Konzentrationslager, in dem insgesamt 300 politische Gegner inhaftiert waren. Zeitzeugen berichten, dass die Schreie der Gefangenen und Gefolterten bis ans Festland zu hören waren, was der Insel den Namen „Teufelsinsel“ einbrachte.
Rückkehr und das Geheimnis der Fitness
Nach dem Aufenthalt macht sich die Gruppe auf den Rückweg zum Landhaus Tettens. Bis an die Oberschenkel mit Schlamm bedeckt, nutzen die Wanderer dort einen Wasserschlauch, um sich die Beine zu reinigen. Am Ende des Tages steht für alle fest, dass es ein wunderbarer Tag war. Auf die Frage, wie er sich in seinem Alter so fit hält, antwortet Köhne: „Nicht rauchen, nicht trinken und täglich meine sieben Kilometer-Runde am Deich laufen“. An diesem Tag legte er insgesamt 9,54 Kilometer und 12.886 Schritte in viereinhalb Stunden zurück.
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