Anekdoten aus dem Hafenbus: Bremerhavener Gästeführer berichten von ihren Touren
Nach der Corona-Pause blicken drei erfahrene Gästeführer auf über 60 Jahre voller kurioser Erlebnisse und Begegnungen in Bremerhaven zurück. Von betrunkenen Feuerwehrleuten bis hin zu ungewöhnlichen Geschenken teilen sie ihre besten Geschichten.
Die pandemiebedingte Zwangspause in den Jahren 2020 und 2021 gefiel den drei Gästeführern gar nicht, wie sie der Nordsee-Zeitung erzählten. Umso größer war im Jahr 2022 die Freude, endlich wieder Gäste begrüßen zu dürfen. Gästeführerin Marlis Hinze erinnert sich an die Tücken der Pandemie: „Ich hab mich im Bus lächelnd zu einem vermeintlichen Gast umgedreht und stellte fest, es ist ein Pappkamerad“. Diese „freundlichen Abstandshalter“ hatte die Erlebnis Bremerhaven in den Bus gesetzt. „Es ist schwer die Stimmung abzuschätzen, wenn man wegen der Masken nur Augen sieht“, ergänzt Gästeführerin Dagmar Riepenhusen.
Obwohl man meinen könnte, Stadtführer freuten sich über Sonnenschein, ist der Hafenbus laut Marlis Hinze „ein klassisches Schiettwetterprodukt“. Dagmar Riepenhusen rät den Gästen zudem, auch mal eine Tour im Dunklen zu machen, da die Stadt und der Hafen dann anders aussähen. Zu den Gästen gehören Familien, Paare, Clubs sowie Vereine von ostfriesischen Landfrauen bis hin zu technischen Ingenieuren aus Süddeutschland. Zunehmend kämen auch Schweizer, die für gutes Trinkgeld bekannt seien, und Österreicher. Viele Gäste stammen aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und – aus Bremerhaven. Dann hören die Gästeführer oft: „Och, das hab ich nicht gewusst“. Zu Hinzes ungewöhnlichsten Gästen zählte eine Gruppe Tuareg aus der Wüste, die während der Tour ihre traditionelle Tracht trugen.
Besondere Präsente und feucht-fröhliche Zwischenfälle
Die Gästeführer könnten mit ihren Mitbringseln aus 20 Jahren ein kleines Museum eröffnen. Gästeführer Franz-Eckard Falck erinnert sich neben regionalen Schnäpsen, Wein, Kappen, Löffelchen und Bonschen sogar an ein Müsli. Besonders berührt hat ihn jedoch ein anderes Geschenk: Bei einer Gruppe geistig behinderter Menschen wollte sich jeder mit einer Umarmung verabschieden. Vereine bedanken sich oft mit Ständchen, worauf Marlis Hinze sich mit „Lili Marleen“ revanchiert.
Nicht alle Touren verlaufen gewöhnlich. Eine Italienerin, die für ihre kreuzfahrenden Landsleute übersetzte, verzweifelte an den vielen Objekten aus Schifffahrt und Hafen und fragte immer wieder verzweifelt: „Keine Kathedrale, keine Kathedrale?!“. Skeptisch war Marlis Hinze auch bei freiwilligen Feuerwehrleuten, die bereits mit „Friesengeistflaschen-Gürtel“ den Bus bestiegen und zur eigenen Sicherheit auf den Aufstieg auf den Containeraussichtsturm verzichteten. Dagmar Riepenhusen konnte einmal eine Gruppe eines angeschickerten Serviceclubs im Überseehafen „gar nicht mehr einfangen“, als einige Herren für eine dringende Toilettenpause bei der Lloyd Werft ins nächste Dock pinkelten. „Ich hab am nächsten Tag sofort dort angerufen und den Vorfall erklärt“, erinnert sich Dagmar Riepenhusen. Viel schöner war eine Chartertour auf Selbstfindungstrip, bei der zum Abschluss alle die Seeluft und das „Om“ vom Containeraussichtsturm einatmeten. Die Gästeführerin erinnert sich: „Alle waren glücklich – ich auch.“
Alltag im Hafenbus und der Blick hinter die Kulissen
Von großen Unfällen blieben die Gästeführer verschont, obwohl der frühere Doppeldecker-Bus oft liegen blieb. Manche Tour endete mit offener Tür oder heiserer Stimme wegen eines kaputten Mikrofons. Zudem gibt es im Hafenbus den „Schranken-Bonus“, wenn der Bus minutenlang vor einer Bahnschranke festhängt und die Gästeführer exklusive Geschichten erzählen können. Die Guides fungieren dabei auch als Übersetzer: Sie erklären Schleusen oder dass Fender auf Platt „Bumsbütel“ heißen. Touristen lernen schnell, dass einmal „Moin“ reicht und fast immer falle der Satz: „Sie haben hier viel Wind.“
„Wir beschönigen nichts und man schreibt uns auch nicht vor, was wir erzählen“, erklärt Dagmar Riepenhusen. Es gebe zwar einen Leitfaden, doch die eigene Meinung werde zurückgehalten, um Debatten zu vermeiden. Schmuggel im Hafen sei jedoch ein beliebtes Thema. Um die Abläufe im Hafen zu kennen, werden die Gästeführer von Firmen wie Eurogate hinter die Kulissen eingeladen. Zudem lesen alle drei gerne die Schifffahrtsseite der NORDSEE-ZEITUNG. „Wichtige Lektüre!“, sagt Marlis Hinze. An Prominente erinnert sich keiner der drei, doch Dagmar Riepenhusen betont: „Die würden wir so behandeln, wie jeden anderen Gast auch.“ Ans Aufhören denkt wegen der ständigen Neuerungen in Bremerhaven niemand. „Immer wieder neue Schiffe, neue Projekte, neue Bauten“, schwärmen sie unisono.