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Mediziner warnen vor unterschätzten Gefahren durch extreme Hitzewellen

In Ostholstein steigen die gesundheitlichen Risiken durch extreme Hitze. Ärzte fordern bessere Vorbereitungen und Hitzeschutzpläne, um folgenschwere Gesundheitsschäden zu verhindern.

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In Ostholstein steigen bei Hitzewellen die gesundheitlichen Risiken deutlich, weshalb eine Eutiner Ärztin vor tödlichen Folgen warnt und die mangelnde Vorbereitung in Deutschland kritisiert. Während die mediale Berichterstattung im Sommer oft nur positive Seiten zeigt, sieht die Realität in den Arztpraxen anders aus. Hitze gilt als eine der tödlichsten, jedoch stark unterschätzten Umweltkatastrophen unserer Zeit.
„Wir hatten ein paar Sommer, die das nicht so gezeigt haben“, sagt Mitinhaberin einer internistischen Hausarztpraxis in Eutin und Vorstandsmitglied der Deutschen Allianz für Klimawandel und Gesundheit (Klug) Anne Schluck. Dann mache sich schnell die Einschätzung breit, dass es nicht so schlimm sei, berichtet die shz. Doch das Gegenteil sei der Fall. „Besonders gefährlich sind diese Tropennächte“, warnt die Ärztin. Das seien Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad abkühle. Dann gebe es zum Beispiel deutlich mehr Schlaganfälle, vor allem bei Frauen. Auch die Zahl der Früh- und Totgeburten nehme zu.

Steigende Patientenzahlen in den Kliniken

Den Ernst der Lage spüren aktuell die Kliniken. Chefarzt für Akut- und Notfallmedizin am Ameos-Klinikum Oldenburg Jan Christian Klinkenstein meldet bereits eine leicht erhöhte Zahl von Betroffenen, die infolge der hohen Temperaturen Hilfe benötigen. Vor allem Kreislaufzusammenbrüche wegen zu geringer Flüssigkeitsaufnahme prägen aktuell den Alltag der Ärzte. Mit Blick auf die Wetterprognosen rechnet die Notaufnahme in den kommenden Tagen mit einem spürbar höheren Patientenaufkommen. Die Risiken würden zwar grundsätzlich wahrgenommen, doch Vorsichtsmaßnahmen oft nicht konsequent umgesetzt. „Die Menschen, die wir sehen, sind schließlich diejenigen, die die Hitze unterschätzt haben“, sagt der Arzt.
Das Problem bei Hitzewellen ist, dass sie keine sichtbaren Spuren hinterlassen. „Es ist keine Katastrophe, bei der man sieht: Das ist verwüstet, und da sind zehn Leute gestorben. Es sind viel, viel mehr, aber es ist still und nicht sichtbar“, erklärt Anne Schluck. Oft kämen die Patienten erst Tage später mit schweren Symptomen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, Luftnot oder heftigen Kopfschmerzen zu ihr in die Praxis.

Statistiken zu hitzebedingten Todesfällen

Hitzewellen seien mit großem Abstand die tödlichste Naturkatastrophe, sagt die Ärztin. Das zeigen Zahlen des Rückversicherers „Munich Re“ und des Karlsruher Datenanalyse-Dienstleisters „Risklayer“. Demnach verursachten wetter- und klimabedingte Naturkatastrophen im Zeitraum von 1980 bis 2020 in der EU (plus Norwegen, Liechtenstein und Island) zwischen 90.000 und 140.000 Todesfälle. Auf das Konto von Hitzewellen gingen dabei je nach Quelle zwischen 86 und 91 Prozent. Überschwemmungen oder Stürme liegen mit großem Abstand dahinter. Allein in Deutschland gab es im Jahr 2018 nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) mehr als 8000 hitzebedingte Sterbefälle. „Das sind weit mehr, als es jährlich an Verkehrstoten gibt“, sagt Anne Schluck. Dennoch geschehe – anders als zum Beispiel in Frankreich – viel zu wenig. „Wir sind hier grottenschlecht vorbereitet.“ Es fehle an Hitzeschutzplänen im Städtebau, in Schulen und Heimen.
Auch die Krankenhäuser seien nicht auf große Hitze ausgelegt. Zimmer überhitzten schnell, Heilungsprozesse verzögerten sich oder Patienten würden noch kränker. Arbeitsschutz, etwa im Handwerk, sei ein weiteres Thema. „Bei Sturm gehst du nicht aufs Dach – bei Hitze aber eben auch nicht.“ Das müsse allen klar werden. Das Problem habe zudem eine soziale Dimension. „Die ärmere Bevölkerung kann sich schlechter schützen. Sie hat keine Klimaanlagen und wohnt nicht unter schönen Bäumen am See.“ Es gebe aber auch keine öffentlichen Räume, in die die Menschen gehen könnten.

Regionale Auswirkungen und Vorsorgemaßnahmen

Zwar sei die Lage etwa in Eutin noch vergleichsweise entspannt und der Norden Deutschlands weniger betroffen als der Süden, aber auch hier machten sich die Folgen des Klimawandels immer stärker bemerkbar. Anne Schluck verweist auf eine extreme Hitzewelle im Sommer 2021, die auch den Westen Kanadas getroffen habe. „Da waren die Temperaturen über lange Zeit über 40 Grad.“ Und Kanada liege etwa auf den gleichen Breitengraden. „Da haben wir bei ‚Klug‘ gesagt: Wieso sollte das nicht zu uns kommen? Jetzt erleben wir genau so etwas.“ Um gesundheitliche Belastungen zu vermeiden, empfiehlt Ameos-Notfallmediziner Klinkenstein, direkte Sonneneinstrahlung möglichst zu meiden, ausreichend Wasser zu trinken und körperliche Anstrengungen zu reduzieren. Besonders Menschen mit Vorerkrankungen sollten während Hitzeperioden auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten und ihren Körper nicht unnötig belasten.
Anne Schluck rät außerdem, mit dem Arzt eine eventuelle Anpassung der Medikamente zu besprechen. Der wichtigste Hebel liegt für sie jedoch im Zwischenmenschlichen. „Es ist extrem wichtig, auf die anderen zu achten.“ Dazu gehöre, etwa zur betagten Nachbarin zu gehen und zu sagen: „Ich geh für dich einkaufen“ oder „Hast du schon genug getrunken?“ – oder zu fragen, ob sie die Füße in kaltes Wasser stellen wolle. Das könne der Staat oder das Gesundheitssystem gar nicht leisten. Da sei die gesamte Gesellschaft gefragt.

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