Netzpaket der Bundesregierung gefährdet Windkraftausbau an der Westküste
Ein geplantes Gesetz aus Berlin soll den Bau von Windrädern an die Kapazitäten des Stromnetzes koppeln. In Schleswig-Holstein formiert sich massiver Widerstand gegen die drohenden Kürzungen bei den Entschädigungen.
Wind weht hier immer. Schade, wenn der Strom dafür im Netz stecken bleibt.
— Rocky, Chefkolumnist
Illustration: KI-generiert
Das geplante Netzpaket der Bundesregierung sorgt an der Westküste von Schleswig-Holstein für erhebliche Unruhe bei Kommunen, dem Land und der Windkraftbranche. Die Neuregelung sieht vor, Entschädigungen für die Abschaltung von neuen Windrädern bei Netzüberlastung drastisch zu kürzen. Kritiker befürchten dadurch einen Einbruch beim Ausbau der erneuerbaren Energien und sinkende Steuereinnahmen für die Gemeinden. In Brunsbüttel im Kreis Dithmarschen steht Geschäftsführer der Stadtwerke Brunsbüttel Andreas Wulff vor einem in die Jahre gekommenen Windpark. Er würde die alten Anlagen gerne durch größere, modernere ersetzen, was als „Repowering“ bezeichnet wird. Doch ob sich dieses Vorhaben wirtschaftlich realisieren lässt, ist unklar. Mit der aktuellen Gesetzeslage sei es „sehr schwer, überhaupt eine wirtschaftliche Betrachtung hinzubekommen“, sagt Wulff.
Kürzung der Entschädigungen bei Netzengpässen
Der Grund für die Bedenken liegt im sogenannten Netzpaket der Bundesregierung. Bisher erhalten Betreiber eine Entschädigung, wenn ihre Windräder wegen überlasteter Stromnetze abgeschaltet werden müssen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant jedoch, den Bau neuer Anlagen künftig stärker danach auszurichten, wo das Netz den Strom auch aufnehmen kann. Besonders überlastete Netzbereiche, in denen im Vorjahr mehr als fünf Prozent des möglichen Stroms abgeschaltet werden mussten – Fachleute sprechen vom „Redispatch“-Anteil –, sollen markiert werden. Wer in so einem „kapazitätslimitierten“ Gebiet ein neues Windrad oder einen neuen Solarpark baut, darf das weiterhin, muss aber vertraglich akzeptieren, bei Abschaltungen nur noch eine reduzierte Entschädigung zu erhalten. Dies gilt auch für den Ersatz alter Windräder, wie der Landesverband Erneuerbare Energien auf NDR-Anfrage bestätigte, berichtet die Tagesschau. Wie stark gekürzt wird, ist bislang nicht öffentlich beziffert. Reiche hatte den ersten Entwurf, der einen kompletten Stopp der Zahlungen ab einer Abschaltquote von drei Prozent vorsah, nach Protesten bereits entschärft.
Scharfe Kritik aus dem Kieler Umweltministerium
Dennoch stößt das Vorhaben in Schleswig-Holstein auf heftigen Widerstand. Staatssekretär Joschka Knuth (Grüne) aus dem Umweltministerium warnt vor den Folgen für windstarke Regionen: „Projekte könnten durch das geplante Gesetz teurer werden: Banken würden Risikoaufschläge erheben, wenn die Finanzierung unsicherer wird. Wir wären negativ betroffen. Unsere Unternehmen hätten keine Planungs- und Investitionssicherheit mehr. Deswegen gibt es dringenden Nachbesserungsbedarf.“ Die Bundesregierung verspricht sich hingegen mehr Effizienz: Neue Anlagen sollen dort entstehen, wo das Netz sie verkraftet. Schon im Koalitionsvertrag steht, große Erzeuger erneuerbarer Energien sollten dort angereizt werden, „wo es dem Netz nützt“. Der Netzbetreiber Tennet begrüßt den Entwurf, da Netzanschlüsse ein knappes Gut blieben und dem Gesamtsystem nützen müssten. Ein Rückgang des Ausbaus insgesamt sei laut Ministerium nicht zu befürchten.
Auswirkungen auf Kommunen und Finanzen
Die Kosten für das Engpassmanagement im deutschen Stromnetz beliefen sich im Jahr 2025 auf rund 3,1 Milliarden Euro, wovon 433 Millionen Euro auf Entschädigungen für Ökostrom-Anlagen entfielen, wie aus Zahlen der Bundesnetzagentur hervorgeht. In Schleswig-Holstein sank der Anteil des durch Abschaltungen verlorenen Stroms von rund 17 Prozent im Jahr 2015 auf 3,6 Prozent im Jahr 2025. Professor für Erneuerbare Energien an der HAW Kiel Andreas Luczak erklärt dazu: „Das Netzpaket adressiert ein Problem, das aus meiner Sicht dramatischer dargestellt wird, als es ist.“ Für die Verbraucher seien die Effekte kaum spürbar. An der Westküste sorgt man sich dennoch um die wirtschaftliche Zukunft. Der Kreistag in Nordfriesland verabschiedete eine Resolution gegen das Paket, und auch Dithmarschen positioniert sich kritisch. Dithmarschens Landrat Thorben Schütt (CDU) weist darauf hin, dass viele Gemeinden über Steuern direkt an der Windkraft mitverdienen: „Bleibt der Ausbau aus, fehle dieses Geld“. Das Bundeskabinett befasst sich als Nächstes mit dem Paket, das ab Anfang 2027 gelten soll.
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