Freie Kulturszene in Bremerhaven fordert verlässliche Finanzen und mehr Rückhalt
Mit einem gemeinsamen Manifest reagieren Bremerhavener Künstler auf kurzfristige Absagen und finanzielle Unsicherheiten. Sie fordern von der Politik mehr Wertschätzung und verlässliche Honorare.
Dass der Bremerhavener Kultursommer in diesem Jahr nicht von der Stadt finanziert wurde, brachte das Fass zum Überlaufen. Die Künstler und Kulturschaffenden schreiben dies deutlich auf ihrer neuen Homepage SOS.kultur.de: „Auslöser für unser Manifest sind die überraschende Absage des Kultursommers 2026 sowie weitere kurzfristige Absagen und Unsicherheiten bei fest eingeplanten Veranstaltungen“, berichtet die Nordsee-Zeitung. Musiker und Kulturschaffender Mark Ella ist einer der Initiatoren des Manifests der freien Kulturszene und beklagt: „Mangelnde Wertschätzung, was Künstler hier auf die Beine stellen“.
Seit Jahren muss die freie Kulturszene jedes Jahr hoffen, dass die mit dem Kulturamt abgestimmten Veranstaltungen auch tatsächlich gefördert werden können. Für die Unsicherheit sorgt die Stadt, die oft erst im Sommer, manchmal erst im Herbst, einen gültigen Haushalt hat. In der haushaltslosen Zeit dürfen nur Pflichtaufgaben erfüllt werden. Kulturveranstaltungen zählen nicht dazu. Nur per Magistratsbeschluss können Projekte doch noch realisiert werden – oder eben nicht, wie der Kultursommer, dem die CDU überraschend ihre Zustimmung verwehrte. Oder die Lichternacht Speckenbüttel, die 2024 wegen Kürzungen ausfiel. „Wir erleben vonseiten der Politik eine Missachtung unserer Arbeit für die Stadt“, sagt Ella. Es fehle an Wertschätzung, was die Kulturschaffenden und Künstler für wenig Geld für das Stadtleben auf die Beine stellen.
Appell zur Vernetzung zeigt Wirkung
„Nach dem Aus des Kultursommers richtete die damalige Kulturamtsleiterin Dorothee Starke einen Appell an uns Kulturschaffende, uns zu vernetzen und Widerstand zu formieren“, schildert der Musiker und Kulturmanager, der mit dem Verein Kultur und Bildung Nord unter anderem Konzerte anbietet. Der Appell aus dem April hallte nach – mit etwas Verzögerung. Ella gründete zunächst eine WhatsApp-Gruppe, um Kontakte zu sammeln. Es gab ein erstes Treffen und mit Figurenspielerin, Schauspielerin sowie Kunstvermittlerin Ludmilla Euler, Musiker und Konzertveranstalter Jens Carstensen, Künstler und Galerist Fernando Valero und Musiker Jens Arends-Stegemann hat Ella die Homepage erstellt und vor allem das Manifest formuliert.
Lebt die Kultur, lebt die Stadt
„Unsere Haltung ist: Lebt die Kultur, lebt die Stadt. Kultur ist der wichtigsten Standortfaktor“, sagt Ella. Einsparungen seien daher die falsche Reaktion. Auf der Homepage steht, dass die freien Künstler und Künstlerinnen seit Jahren die Vielfalt an kulturellen Angeboten bereichern – trotz schwieriger Finanzlagen, immer wieder kurzfristigen Einschnitten und knapper Ressourcen. Und das möchten sie auch weiterhin tun. „Die Kunst- und Kulturszene in Bremerhaven hat sich klar positioniert: Wir wollen hier wirken, bleiben und weiterhin das wichtigste gesellschaftliche und kulturelle Gesicht der Seestadt sein“, schreiben sie. Doch Kultur gebe es nicht umsonst. Ateliers, Probenräume und Veranstaltungsräume, Instrumente, Materialien und mehr müssen finanziert werden.
Forderung nach verlässlicher Honorierung
„Wir hören manchmal von Politikern, dass die meisten in der Kulturszene ja ehrenamtlich arbeiten, gar nicht davon leben müssen“, sagt Ella. Genannt werde dies quasi als Begründung, warum unzureichende Finanzierungen nicht so gravierend seien. „Aber viele müssen doch davon leben oder notgedrungen, weil die Finanzierung es einfach nicht hergibt, andere Tätigkeiten zusätzlich ausüben“, schildert Ella. Und es werde vergessen, dass – ob ehrenamtlich oder hauptberuflich – die Kulturschaffenden mehr der Stadt geben, als sie bekommen. Das Manifest soll deutlich machen, was die freie Kulturszene für das öffentliche Leben in Bremerhaven bedeutet. Auf der Homepage haben die Kulturschaffenden das so formuliert: „Wir fordern als freie Kunstschaffende angemessene Wahrnehmung unseres Einsatzes für die Stadtgesellschaft, verlässliche Honorierung unserer Arbeit.“ Deutlich machen sie aber auch, dass sie nicht die Konfrontation, sondern den Dialog mit Politik und Magistrat suchen.
Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem Jan-Hendrik Ehlers, George B. Miller, Jörg Seidel, Dean Collins, Moritz Schmeckies, Fiona Brinker und Carla Mantel. Das Manifest soll ein erster Schritt sein. Weitere Künstler können sich gerne anschließen, sagt Euler. Neben dem digitalen Auftritt sind auch Treffen geplant. „Wir bleiben dran. Wir zeigen Gesicht“ meint sie.