Vom Ausflugslokal zum Wohntraum: Ehepaar lebt im ehemaligen Café Sander
Inge und Jörg Gebhardt haben das ehemalige Restaurant-Café Sander in Großensiel zu ihrem Zweitwohnsitz gemacht. Trotz des Umbaus bleibt die Geschichte des historischen Gebäudes am Deich lebendig.
Ein ehemaliges Café als Haus? Da spart man sich zumindest den Weg zum Tresen.
— Rocky, Chefkolumnist
Illustration: KI-generiert
Seit Dezember 2020 bewohnen Inge und Jörg Gebhardt das ehemalige Restaurant-Café Sander auf dem Deich in Großensiel. Das Ehepaar aus Rheinland-Pfalz hat das geschichtsträchtige Gebäude, das als eines der Wahrzeichen des Ortes gilt, zu seinem Zweitwohnsitz umgebaut. Dabei haben sie viele historische Elemente des einstigen Lokals erhalten. Etwa ein halbes Jahr vor dem Einzug hatte das Paar das ehemalige Restaurant-Café Sander bei einem Makler im Internet entdeckt, wie die Nordsee-Zeitung berichtet. Große Hoffnungen machte sich das Paar aus Rheinland-Pfalz zunächst jedoch nicht. „Der Makler sagte, er hätte bereits viele Interessenten für das Haus. Es war kurz vor meinem Geburtstag und wir hatten die ganze Familie zu Besuch, an Wegfahren war nicht zu denken“, berichtet Jörg Gebhardt. Zwei Wochen später übernachteten sie in Bremerhaven und besichtigten das Objekt, in das sie sich sofort verliebten.
Bei der Besichtigung saßen sie zusammen mit den Eigentümern Gerti Schwarting und Wilfried Schwarting auf der Terrasse. Inge Gebhardt blickte zum benachbarten Yachthafen und fragte: „Was sind das da drüben eigentlich für Stäbe?“ Es handelte sich um die Masten der Segler. „Die haben sich totgelacht. Ich dachte, das war es jetzt“, sagt sie. Dennoch erhielten sie kurz darauf den Anruf mit der Zusage für das Haus.
Ein neues Leben im Deichhaus
Das Gebäude wurde zum Zweitwohnsitz des Paares umgestaltet. Sie zogen Wände ein und bauten im vorderen Halbrund bodenlange Fenster ein, sodass ein Atelier und Wohnzimmer entstanden. Im ehemaligen Restaurant blieb die Theke samt Sitzecke und funktionstüchtiger Zapfanlage erhalten. Auch der mehrflammige Gasherd in der Küche ist weiterhin in Betrieb. Im zweiten Stock befinden sich drei Gästezimmer für die fünf Kinder und Freunde des Paares.
Umgang mit den Gezeiten und Nachbarschaftshilfe
„Anfangs habe ich mir Sorgen gemacht, wegen der nachgesagten Zurückhaltung der Fischköpfe. Aber das stimmt überhaupt nicht. Wir haben einen tollen Kontakt zu den Nachbarn. Mit Gerti und Wilfried sind wir mittlerweile befreundet“, sagt Inge Gebhardt. Ihr Ehemann machte in Nordenham den Bootsführerschein und kaufte ein Segelboot. Zweimal täglich prüft er die Vorhersagen des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie. Bei Hochwasser parkt er das Auto auf einem höher gelegenen Platz. Das Haus ist doppelt geschottet und für Sturmfluten gerüstet. Eine automatische Pumpe im Keller sichert das Gebäude zusätzlich ab. Dass diese funktioniert, erfuhr Jörg Gebhardt bei einem Test seiner Frau: „Plötzlich kam das Wasser aus der Wand geschossen“, sagt er.
Bei Abwesenheit passen die Nachbarn auf das Haus auf. „Einmal haben sie sich in einer Winternacht in die Küche gesetzt und bis 4 Uhr morgens aufgepasst, dass kein Wasser ins Haus kommt“, sagt Jörg Gebhardt. Gerti Schwarting füttert zudem täglich ihre zwei Katzen, die lebenslanges Wohnrecht am Haus haben. Auch Fischer Egon Büsing weiß, wo die Schotten zu schließen sind.
Überraschende Begegnungen und Zukunftspläne
Kurz nach dem Einzug erlebte das Paar Überraschungen. Ein Fremder wollte sich auf die Terrasse setzen, da er das Café für geöffnet hielt. Noch Monate später riefen Personen für Tischreservierungen an. Wie bekannt das Lokal war, zeigte sich beim Besuch eines Freundes namens Wulf aus dem Taunus. „Wir standen an der Theke. Da sagte der Wulf: Ich war hier schon mal. - Das haben wir natürlich nicht geglaubt“, sagt Jörg Gebhardt. Der Freund war jedoch tatsächlich Jahre zuvor bei einer Paddeltour dort eingekehrt.
Die Pläne der Stadt Nordenham zur Neubelebung des Hafengeländes verfolgen die Gebhardts aufmerksam. „Der Bereich ist ein ungeschliffener Rohdiamant. Viele Skipper steuern den Yachthafen an, weil er ein Sprungbrett in die Nordsee ist. Sie würden ein gastronomisches Angebot in der Nähe sicher begrüßen“, sagt Jörg Gebhardt. Dass laut Projektbeschreibung mindestens füllen Vollgeschosse entstehen könnten, überraschte das Paar, das von kleineren Gebäuden ausgegangen war. „Wir sind bis jetzt von kleineren Häusern ausgegangen. Alles andere würde doch gar nicht hierher passen“, ergänzt seine Frau.
An den meisten Tagen ist es ruhig vor dem Deich. Nur an den Wochenenden fahren manchmal Wagen mit heulenden Motoren auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses über das Pflaster. Manche drehen Donuts. Erst vor kurzem war es wieder so weit: „Das Wasser stand ein paar Meter ins Land rein. Da kam ein schwarzer Daimler, gab Gas und fuhr volle Möhre durchs Wasser. Dem war wohl nicht klar, was Salzwasser mit seinem Unterboden, der Elektrik und den Bremsen macht“, bemerkt Jörg Gebhardt.
Das Paar schätzt das Freizeitangebot der Region. Für die Zukunft scherzt die gelernte Köchin Inge Gebhardt: „Und im Winter mukkeln wir uns gemütlich ein und gucken den Gezeiten zu. Sollte uns langweilig werden oder das Geld ausgehen, machen wir die Küche wieder auf. Wobei klar ist, dass wir nicht mit Wilfrieds Kochkünsten konkurrieren können“.
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