Teurer Boden: Flächenkonkurrenz bringt Schleswig-Holsteins Bauern in Bedrängnis
Durch den steigenden Bedarf an Flächen für Industrie, Energiewende und Naturschutz steigen die Preise für landwirtschaftliches Land massiv. Bauern geraten dadurch zunehmend unter Druck.
Milchviehhalter Timo Köhler blickt besorgt auf eine fünf Hektar große gepachtete Wiese, die er zur Futterproduktion nutzt. Die Besitzerinnen haben den mittleren Teil der Fläche an die Stiftung Naturschutz verkauft. Köhler darf das Land zwar weiter bewirtschaften, jedoch ohne Dünger oder Pestizide, und er darf das Heu nur noch einmal jährlich mähen. Dies bedeutet für ihn weniger Heu für seine 220 Kühe und erfordert den Zukauf von Futter. Köhlers Familienbetrieb in der sechsten Generation bewirtschaftet insgesamt 200 Hektar Land, wovon zwei Drittel gepachtet sind. Er sorgt sich um diese Flächen, da die Zahl der Interessenten stetig wächst.
Wissenschaftlerin Kerstin Jantke, die an der Uni Hamburg im Bereich Nachhaltigkeit und globaler Wandel forscht, bestätigt die zunehmende Flächenkonkurrenz. Land wird verstärkt für Infrastrukturprojekte wie Straßenbau, Industriegebiete oder Wohnungsbau benötigt. Zudem fragen Projekte der Energiewende wie Windräder, Solarfelder oder Umspannwerke sowie Projektierer für Rechenzentren in Schleswig-Holstein Flächen nach. Auch der Naturschutz beansprucht Land. Diese steigende Nachfrage lässt die Preise steigen, wie die Tagesschau berichtet.
Preise für landwirtschaftliche Nutzflächen steigen drastisch
Laut Kaufpreisspiegel des Statistischen Landesamtes für Schleswig-Holstein kostete ein Hektar Land im Jahr 2014 durchschnittlich 25.000 Euro, während es 2024 bereits fast 36.000 Euro waren. Die Kaufpreise für Grünland stiegen von knapp 17.000 Euro je Hektar auf mehr als 22.000 Euro, bei Ackerland von rund 34.700 auf über 47.000 Euro pro Hektar. Diese Marktpreise sind für viele Landwirte nicht mehr bezahlbar. Köhler erklärt, dass der Meistbietende den Zuschlag erhalte, was häufig nicht der Landwirt sei. Er hätte das nun unter Naturschutz stehende Grünland gerne selbst erworben, konnte jedoch finanziell nicht mithalten. „So viel Geld kann ich nicht ausgeben für mooriges Land. Das wäre nicht wirtschaftlich“, so Köhler.Doppelte Flächenbelastung durch Kompensationsmaßnahmen
Wissenschaftlerin Jantke prognostiziert weiter steigende Preise und eine wachsende Konkurrenz. Der reine Naturschutz sei dafür jedoch kaum verantwortlich, da dessen Flächenanteil nur sehr gering ansteige. Vielmehr machten sich Industrie- und Infrastrukturprojekte bemerkbar. „Die breiten sich gleich doppelt aus“, erklärt Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Dithmarschen Jan Dirks. Für Bauprojekte wie die ursprünglich geplante Industrieansiedlung von Northvolt oder den Ausbau der B5 müssen nach dem Bundesnaturschutzgesetz Ausgleichsflächen oder Ökopunkte ausgewiesen werden. Im Fall von Northvolt betraf dies allein 150 Hektar. Dadurch fällt neben dem eigentlichen Bauland auch zusätzliche Kompensationsfläche für die Landwirtschaft weg. Konkrete Zahlen zu den entstandenen Ausgleichsflächen fehlen. Jantke kritisiert: „Die Zahlen sind überhaupt nicht transparent. Und das führt sicherlich auf beiden Seiten zu Missverständnissen - bei den Landwirten und den Naturschützern“.Politische Debatte und Lösungsansätze
Umweltminister Tobias Goldschmidt (Bündnis 90/Die Grünen) sieht die steigende Flächenkonkurrenz ebenfalls, betont jedoch den langfristigen Nutzen der Ausgleichsflächen und Landkäufe durch die Stiftung Naturschutz. Diese seien eine wichtige Säule des Umwelt- und Klimaschutzes, um Moore zu schützen, Treibhausgasemissionen zu senken und Bodensackungen zu verhindern. Goldschmidt ist überzeugt, dass diese Maßnahmen die Landwirtschaft langfristig überhaupt erst ermöglichen. Trotz Ertragsverlusten bei verpachteten Flächen könnten Landwirte diese weiter nutzen. Zudem verweist er auf den Vertragsnaturschutz, bei dem finanzielle Ausgleiche für Naturschutzmaßnahmen gezahlt werden.Der Dithmarscher Kreisbauernverband fordert hingegen politische Konsequenzen. Dirks fordert: „Gesellschaftspolitisch gewollte Baumaßnahmen - wie der Ausbau von grüner Energie - sollten keines Ausgleichs bedürfen.“ Zudem soll die Stiftung Naturschutz kein Vorkaufsrecht mehr für landwirtschaftliche Flächen besitzen. Dirks führt aus: „Es gibt jetzt mehrere gesellschaftliche Ziele. Zum einen, dass man Nahrungsmittel produzieren will, zum anderen, dass man Arten und Ökosysteme schützen möchte. Und die stehen eben in direkter Konkurrenz.“ Umweltminister Goldschmidt schlägt Mehrfachnutzungen wie Agri-Photovoltaik oder Wohnungsbau über Supermärkten vor. Jantke arbeitet an Methoden zur Steigerung der Flächeneffizienz in der Landwirtschaft ohne zusätzlichen Dünger- oder Pestizideinsatz, was sich derzeit noch auf den Obstbau beschränkt. Timo Köhler muss unterdessen Lösungen finden, um seinen Hof für die siebte Generation wirtschaftlich zu sichern.