Selbstbestimmtes Sterben: Ein Landwirt aus Bramel wählt den assistierten Suizid
Nach einer unheilbaren Krebserkrankung entschied sich der Landwirt Holger Wärner für die Sterbehilfe in Deutschland. Seine Familie spricht nun öffentlich über diesen Weg, um auf die rechtlichen Möglichkeiten aufmerksam zu machen.
Die Nachricht über den Tod des 60-jährigen Bramelers bewegt die Region, wie die Nordsee-Zeitung berichtet. Seine Ehefrau Ulrike Wärner vermisst ihren Mann jeden Tag. „So war er“, sagt Ulrike Wärner, „gradlinig, mutig, optimistisch“. Holger Wärner war ein lebensfroher Milchbauer, Motorradfahrer und Feuerwehrmann. „Mein Vater war immer topfit“, erinnert sich Schiffdorfs Bürgermeister Henrik Wärner. Noch an seinem 60. Geburtstag im November 2024 schien alles perfekt, und der Jubilar sprach von sich als „dem glücklichsten Menschen der Welt“. Doch nach Atembeschwerden diagnostizierten Ärzte Lungenkrebs. „Damals hab ich noch gedacht, ‚Wenn einer das packt, dann Papa‘“, gesteht Henrik Wärner. Schließlich zeigte eine Computertomografie, dass das Skelett voller Metastasen war.
„Mein Mann hat nur noch geweint. So kannte ich ihn nicht“, sagt Ulrike Wärner. Angesichts der unheilbaren Erkrankung wollte Holger Wärner nicht leiden: „Er wollte so nicht sterben, nicht dahinsiechen, vom Morphium benebelt. Tiere lässt man auch nicht leiden, die erlöst man auch. Das waren seine Worte.“ Er bat seine Familie um Hilfe beim Sterben. Für seine Frau war der Gedanke an die Schweiz unerträglich: „Wir waren 34 Jahre verheiratet, haben zusammen den Betrieb aufgebaut, waren 24/7 zusammen. Da kann man doch nicht sagen, ich fahre ihn jetzt in die Schweiz“, bricht es aus ihr heraus.
Recht auf selbstbestimmtes Sterben
Seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2020 ist der assistierte Suizid in Deutschland unter bestimmten Bedingungen möglich. Das Gericht stellte fest, dass ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben existiert. Ein neues Gesetz zur Regulierung scheiterte jedoch bislang im Bundestag. „Für meinen Vater war es ein Glücksfall, dass die Sterbehilfe in Deutschland möglich ist“, bekennt Henrik Wärner. „Er hat oft keine Luft mehr gekriegt, hatte große Angst vor dem Ersticken. Für ihn war das der richtige Weg.“Mit dem Gang an die Öffentlichkeit löst die Familie ein Versprechen ein. „‘Mach das bekannt, das wissen die Leute doch nicht, dass das möglich ist‘, hat er gesagt.“
Die letzten Tage des Landwirts
Als sich der Zustand des Vaters im September so weit verschlechterte, dass er querschnittsgelähmt war, leitete die Familie den Antrag in die Wege. Sein Sohn Jörn Wärner, der den Betrieb übernommen hat, berichtet: „Er wollte immer alle Zügel in der Hand behalten. Und klar im Kopf bleiben. Bis zum Schluss“. Holger Wärner plante seine Trauerfeier und verabschiedete sich telefonisch von Freunden.Der Abschied verlief gefasst. „Für mich war es der reine Horror“, gesteht Ulrike Wärner, „doch er war am letzten Tag der Ruhigste von uns allen. Holger hatte keine Angst vorm Sterben. Das hat er mir an seinem letzten Morgen gesagt.“ Er schlief friedlich ein. „‘Ich gehe als zufriedener Mann‘, hat er gesagt, bevor er friedlich eingeschlafen ist“, erzählt Henrik Wärner.