Vom Festplatz zum Vogelschutzgebiet: Die Geschichte der Möweninsel in der Schlei
Die Möweninsel vor Schleswig blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Heute dient das streng geschützte Eiland Tausenden Seevögeln als ungestörter Rückzugsort.
Wer vom Schleswiger Holm über die Schlei blickt, entdeckt die dicht bewachsene Möweninsel oft erst auf den zweiten Blick. Hinter dem unscheinbaren Eiland verbirgt sich jedoch eine umfassende Geschichte, die Stadtgeschichte, Archäologie und Naturschutz eng verbindet. Jedes Frühjahr kehren Tausende Silber- und Heringsmöwen zurück, um auf der Insel ihre Nester zu bauen und ihre Jungen großzuziehen. Das Betreten der Insel ist grundsätzlich verboten. „Im Grunde hat sich unsere Arbeit über die Jahre kaum verändert“, sagt Britta Pochert vom Verein Jordsand, wie die shz berichtet.
Seit rund drei Jahren liegt die Verantwortung für den Erhalt der Möweninsel beim Landesamt für Umwelt (LfU). Der Verein Jordsand übernimmt weiterhin im Auftrag des Landes das Monitoring von Flora und Fauna. „Im Mai zählen wir die Nester, Mitte Juni werden die jungen Möwen beringt. Ansonsten lassen wir die Insel möglichst in Ruhe.“ Nur zweimal im Jahr steht noch etwas anderes auf dem Programm: Im Frühjahr beteiligen sich die Naturschützer an der landesweiten „Schietsammelaktion“, im September folgt der weltweite „Coastal Cleanup Day“, um Müll einzusammeln und Kontrollen durchzuführen. „Ansonsten gilt: Je weniger Störungen, desto besser“, sagt Pochert.
Vom Jagdrevier zum Freilandlabor
Das war jedoch nicht immer so. Archäologische Funde legen nahe, dass Menschen den Ort bereits vor rund 6000 Jahren nutzten. Im Mittelalter befand sich hier vermutlich eine Burganlage, deren Reste bei Ausgrabungen in den 1950er-Jahren freigelegt wurden. Besonders bekannt wurde der damalige „Möwenberg“ jedoch durch den „Möwenpreis“, ein Volksfest, zu dem Hunderte Schleswiger mit Booten auf die Insel übersetzten, um eine groß angelegte Möwenjagd zu veranstalten. Vor allem Jungvögel wurden geschossen oder erlegt, da das Fleisch als Fastenspeise galt. Erst 1867 wurde dieser Brauch beendet, während das Sammeln und Essen von Möweneiern noch bis 1989 fortgeführt wurde.Anfang des 20. Jahrhunderts setzte ein Umdenken ein, und die Insel wurde zu einem der ersten Orte Deutschlands, an denen Möwen systematisch beringt wurden. Die Wiederfunde der markierten Tiere belegten ihre Zugwege bis nach Frankreich, Spanien, Italien und in die Niederlande, was einen wichtigen Beitrag zur internationalen Vogelforschung leistete.
Herausforderungen für den Artenschutz
Auch heute bleibt die Natur dort nicht komplett sich selbst überlassen. Eine Herausforderung sind vor allem Ratten, die Eier und Jungvögel gefährden. Um ihre Bestände zu begrenzen, setzt das Landesamt für Umwelt entsprechende Schutzmaßnahmen um. „Große Aufregung herrscht zudem immer, wenn ein Seeadler auftaucht“, erzählt Britta Pochert. „Er holt sich sicherlich hin und wieder ein krankes Tier oder einen Jungvogel. Aber das gehört zur Natur.“Gelegentlich sorgen auch Menschen für Probleme, wenn im Sommer Badegäste verbotenerweise auf die Insel schwimmen. „Wenn wir das mitbekommen, sprechen wir sie an und erklären, warum das Betreten verboten ist“, sagt Pochert. Die Reaktionen seien bislang fast immer verständnisvoll gewesen.