Neuanfang auf Helgoland: Eine Weltenbummlerin übernimmt die einzige Insel-Apotheke
Nach einem Leben auf der ganzen Welt zieht die Apothekerin Anika Schwarzmann mit ihrer Familie nach Helgoland. Auf der autofreien Nordseeinsel stellt sie sich den besonderen Herausforderungen und Freiheiten des abgeschiedenen Alltags.
Keine Autos auf Helgoland? Das ist genau mein Tempo – schön entspannt zu Fuß.
— Rocky, Chefkolumnist
Illustration: KI-generiert
Die Weltenbummlerin Anika Schwarzmann hat im vergangenen Jahr die einzige Apotheke auf der Nordseeinsel Helgoland übernommen. Gemeinsam mit ihrer Familie wagt die 49-Jährige den Neuanfang an einem der abgelegensten Orte Deutschlands. Der Umzug auf die autofreie Insel bringt jedoch nicht nur Freiheit, sondern auch besondere Herausforderungen im Alltag mit sich. Ob das Gras auf der anderen Seite des Zauns grüner ist? „Meistens nicht“, sagt Anika Schwarzmann. „Aber manchmal doch.“ Die Apothekerin hat in ihrem Leben schon viele Orte gesehen. Als sie in einem Branchenblatt davon las, dass auf Helgoland dringend eine Nachfolge für die Apotheke gesucht wurde, weckten die Eigenschaften „autofrei“ und „Schule bis zur zehnten Klasse“ ihr Interesse. Schließlich beschloss die Familie, aus Bayern auf die Insel umzuziehen, wie die shz berichtet. Der Umzug auf die Hochseeinsel gleicht in puncto Erreichbarkeit einer Auswanderung. Helgoland ist ausschließlich per Schiff erreichbar, da der Linienflugbetrieb seit 2025 pausiert. Spontane Besuche von oder bei Freunden sind kaum möglich. Diese Erfahrung machte Schwarzmann im Februar, als ihre Mutter im Sterben lag und sie fast zu spät gekommen wäre. „Das hätte ich mir nicht verziehen“, erinnert sie sich. Es klappte letztlich doch noch rechtzeitig. „Das ist einer der Punkte, über die man sich klar werden sollte, bevor man seine Zelte abbricht und ganz woanders wieder aufbaut“, findet Schwarzmann. Zudem müsse man bedenken, wer einem künftig fehlen werde: „Man müsste überlegen, wer einem fehlt“.
Ein Leben als Nomaden
„Wir sind Nomaden“, beschreibt Schwarzmann ihr bisheriges Leben. Geboren in München und aufgewachsen in Augsburg, studierte sie in Würzburg Pharmazie. Ein Urlaub auf Malta mit ihrer Mutter veränderte ihre Perspektive: „Als ich einen Fuß auf die Erde gesetzt hatte, merkte ich: ‚Da komme ich her, das ist meine Heimat.‘“ Nach einem Praktikum auf Malta folgten zehn Jahre Arbeit in Berlin und Einsätze für die Organisation Ärzte ohne Grenzen in der Zentralafrikanischen Republik, in Haiti – wo sie ihren britischen Ehemann kennenlernte –, in Tadschikistan und im Südsudan. Nach der Geburt des ersten Kindes lebte die Familie in Berlin, England, Augsburg und für die UN in Nepal, wo das dritte Kind zur Welt kam. Später zog die Familie in ein Dorf nach Brandenburg. Dort fühlten sie sich jedoch als Westdeutsche nicht integriert, und ihr Sohn wurde nicht zu Geburtstagen eingeladen. „Es ist schwierig, wenn sie meine Kinder nicht mögen“, sagt Schwarzmann.
Neuanfang auf der Hochseeinsel
Vor dem Kauf der Apotheke auf Helgoland hatte Schwarzmann Sorgen, ob sich diese Erfahrungen auf der Insel wiederholen könnten. Telefonisch konnte Bürgermeister Thorsten Pollmann diese Bedenken jedoch zerstreuen. Er ist selbst zugezogen und verweist darauf, dass auf der kleinen Insel Menschen aus 41 Nationen leben. Nach einem kurzen Besuch vor Ort kaufte Schwarzmann die Apotheke. Heute genießt die Familie eine „unfassbare Freiheit“. Da außer Rettungsdienst, Feuerwehr und Müllabfuhr keine Autos fahren, können die Kinder selbstständig draußen spielen. „Man trifft sich auf der Straße“, beschreibt Schwarzmann das soziale Leben auf der Insel.
Einschränkungen im Alltag
Gleichzeitig erfordert das Inselleben Verzicht. Im Supermarkt ist die Auswahl begrenzt. „Es gibt eine Sorte Himbeerjoghurt“, erklärt sie. Auch auf Sushi oder den direkten Kauf von Kinderunterhosen muss verzichtet werden, und Kinofilme erreichen die Insel mit Verspätung. Für die Apothekerin ist das nebensächlich: „Das sind Konsumgüter, die vor 40, 50 Jahren niemandem gefehlt haben.“ Wichtiger seien grundlegende Fragen wie die medizinische Versorgung. Zwar gibt es Ärzte und ein Krankenhaus auf Helgoland, für Spezialbehandlungen muss man jedoch aufs Festland. Auch die Fragen „Wie sieht es aus mit der Gesundheit?“ und „Was mache ich, wenn ich alt werde?“ beschäftigen Auswanderer, da es auf der Insel zwar ambulante Pflege, aber kein Pflegeheim gibt. Solche Fragen ließen sich oft erst entscheiden, wenn sie akut werden. Ein Scheitern sieht Schwarzmann gelassen: „Aufgeben ist ein bisschen verpönt“, aber es sei völlig in Ordnung, eine Entscheidung zu revidieren.
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