Deutschlands ältestes fahrbereites Segelschiff: Die 'Rigmor von Glückstadt' und ihr Erhalt
Seit über 170 Jahren trotzt der ehemalige Zollkreuzer 'Rigmor von Glückstadt' Wind und Wetter. Dank eines engagierten Fördervereins ist das älteste fahrbereite Segelschiff Deutschlands auch heute noch auf der Elbe unterwegs.
Ein Schiff von 1853 läuft noch? Respekt. Da hält mein alter Ostfriesennerz nicht mit.
— Rocky, Chefkolumnist
Illustration: KI-generiert
Deutschlands ältestes fahrbereites Segelschiff, die „Rigmor von Glückstadt“, kreuzt dank des ehrenamtlichen Engagements eines Fördervereins noch immer auf der Elbe. Das über 170 Jahre alte technische Kulturdenkmal blickt auf eine bewegte Geschichte als Zollkreuzer, Frachtsegler und Steinfischer zurück. Für den Erhalt des historischen Holzschiffes investieren die Vereinsmitglieder einen Großteil ihrer Freizeit.
Der „Förderverein Rigmor von Glückstadt“ hält das historische Schiff mit viel Herzblut instand, wie die shz berichtet. Obwohl alle Beteiligten ehrenamtlich im Einsatz sind, empfinden sie ihre Arbeit nicht als Opfer. Am Wochenende heißt es bei Wind und Wetter auf dem im Jahr 1998 als Technisches Denkmal in das Denkmalbuch des Landes Schleswig-Holstein aufgenommenen Schiff: „All hands on deck!“. Während einer Übungsfahrt simuliert Schiffsführer Peter Voss plötzlich den Ernstfall. Mit dem unüberhörbaren Ruf „Rauch in der Kombüse!“ alarmiert er die Besatzung. Sofort holen die Mitglieder Feuerlöscher aus der Heckluke, rennen zum Bug und bekämpfen den simulierten Brand, bis die Entwarnung folgt: „Feuer ist gelöscht!“.
Vom Zollkreuzer zum Traditionsschiff
Zwölf der rund 130 Vereinsmitglieder sind an diesem Tag auf dem ehemaligen Zollkreuzer an Bord. Normalerweise unternimmt das Schiff Tagesfahrten mit Gästen, wie etwa beim Hamburger Hafengeburtstag im Museumshafen Övelgönne. Für die Winterarbeiten nutzt der Verein die dauerhaft gepachtete Slipanlage des Binnenhafens von Glückstadt. „Wir achten sehr darauf, dass an Bord alles gut in Schuss ist“, erklärt Peter Voss, zweiter Vorsitzender des Fördervereins. Er trägt als Kapitän oft die Verantwortung für die 130 Quadratmeter Segelfläche. Seine persönliche Verbindung zum Schiff begann im Jahr 1998. „1998 sind meine Frau Inga und ich von Hamburg nach Elmshorn gezogen“, berichtet Voss. „Dort haben wir auf der Museumswerft ein hübsches Schiff gesehen, das im Aufbau war. Das war die frisch sanierte ‚Rigmor‘. Ich habe mich sofort in sie verliebt, sie dann aus den Augen verloren und erst 2000 in Glückstadt wiedergefunden. Als Gäste haben wir eine Tagesfahrt gebucht und waren so angetan, dass wir sofort den Aufnahmeantrag für den Förderverein unterschrieben haben. Nach ein paar Segelscheinen gehörten wir fortan zur Crew.“
Die „Rigmor“ genießt das Privileg, im Außenhafen von Glückstadt neben den aktuellen Zollschiffen liegen zu dürfen. „Wir sind sehr froh, dass uns der Zoll dort duldet und sie immer sehr vorsichtig um unser schönes Schiff herumfahren. Sie sehen ja auch ein Stück Geschichte vor sich, die mit ihrem Beruf zu tun hat“, erklärt Geschäftsführerin des Fördervereins Christina Brandes. Das Schiff wurde 1853 als „Zollkreuzer No. 5“ auf der Werft von Johann Paul Schröder in Glückstadt für Dänemark gebaut und war mangels Kiel besonders schnell auf Schmugglerjagd im nordfriesischen Wattenmeer vor Amrum.
Die wechselvolle Geschichte des Flachbodenboots
Ab 1874 fuhr das Boot als Frachtsegler in Dänemark, bevor es 1916 zum Steinfischer umgerüstet und 1919 auf den dänischen Namen „Rigmor“ getauft wurde. Bis 1984 war es als Steinfischer im Einsatz. Peter Voss erklärt dazu: „An flache Stellen in der Ostsee wurden in der letzten Eiszeit Steine geschoben. Einer der Kapitäne witterte ein Geschäft und ließ ein Mannschaftsmitglied danach tauchen oder die Steine mit einer Schlinge hochziehen. Im Hafen wurden sie dann zum Molenbau oder zur Uferbefestigung verkauft. Damals musste der entkernte Salon als Laderaum herhalten. Aber die Schiffer haben gut aufgepasst, dass defekte Stellen immer sofort repariert wurden.“ Im Jahr 1970 entdeckte Kapitän Joachim Kaiser das marode Schiff vor Falster. Er holte es 1992 über den Förderverein nach Glückstadt zurück und wurde 2025 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Die denkmalgerechte Restaurierung erfolgte von 1999 bis 2001 auf der Museumswerft in Elmshorn als Ausbildungsprojekt für benachteiligte Jugendliche.
Einsatz auf der Unterelbe und finanzielle Herausforderungen
Das Schiff hat eine Gesamtlänge von 21,25 Metern, eine Breite von 3,85 Metern und einen Tiefgang von 1,50 Metern. Der letzte Kapitän als Zollkreuzer war Gerrit Matzen. Seit 2002 wird die „Rigmor“ vor allem auf der Unterelbe für verschiedenste Fahrten genutzt. „Weil das Schiff, das zwischenzeitlich einen Laderaum bekam, wieder wie der Zollkreuzer von 1853 aussehen sollte, gibt es seit der Sanierung in den 90er-Jahren abermals einen Salon, wie zu Zeiten des Zollinspektors“, sagt Voss. Auch Hochzeiten finden an Bord statt: „Erst neulich hatte die Standesbeamtin aus Glückstadt zwei Männer bei uns getraut“, berichtet der Kapitän. Bis zu 15 Tagesgäste können das Handwerk miterleben. Crewmitglied Lars Voss, ein 20-jähriger Auszubildender zum Vermessungstechniker, ist seit seiner Kindheit mit seinen Eltern und seiner Schwester Lina an Bord. „An Tiktok, Insta & Co. habe ich kein Interesse“, bekennt der junge Segler. Trotz des Erfolgs steht der Verein vor finanziellen Sorgen, da die Sanierung des Hecks im Jahr 2024 insgesamt 65.000 Euro kostete. „Daran knabbert der Verein bis heute“, berichtet Peter Voss. „Noch immer fehlen Spenden in Höhe von 45.000 Euro.“
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