Kampf gegen Zigarettenmüll: Wie Schleswig-Holsteins Kommunen reagieren
Zigarettenkippen belasten Strände und Innenstädte in Schleswig-Holstein. Die Gemeinden versuchen dem Problem mit freiwilligen Zonen, Bußgeldern und kreativen Ideen zu begegnen.
An den Strandzugängen von Pelzerhaken bei Neustadt im Kreis Ostholstein weisen seit Kurzem neue Schilder mit der Aufschrift "Freiwillig rauchfreier Strandabschnitt" auf die Initiative hin. Strandbesucher Tobias, der mit seinen zwei Söhnen an der Ostsee ist, findet die Idee gut, da einige dann eben "da vorne" rauchen würden und die Kippe hinterher nicht im Sand lande. Zwei Mütter pflichten bei, da Kleinkinder schnell reagieren: Sie "nehmen alles in den Mund, und so schnell kann man gar nicht hinsehen". Nur wenige Meter weiter glimmt trotzdem eine Zigarette. "Es ist freiwillig, und ich denke in erster Linie an mich", sagt Denise, die ihre Kippen allerdings vorbildlich im Strandaschenbecher sammelt. Strandbesucherin Ronja findet hingegen, es solle "nicht so riesengroß eine Welle" daraus gemacht werden, da die meisten Raucher gut aufpassten.
Zigarettenfilter bestehen vor allem aus dem Kunststoff Zelluloseacetat, der in der Umwelt nur langsam zu Mikroplastik zerfällt. Nach Angaben des schleswig-holsteinischen Umweltministeriums stecken in einem Filter mehr als 7.000 Chemikalien. Ein einziger benutzter Filter kann laut einer Studie, auf die sich auch das Umweltbundesamt (UBA) beruft, 1.000 Liter Wasser so stark mit Nikotin belasten, dass kleine Wasserorganismen wie Wasserflöhe geschädigt werden. Nach UBA-Angaben lässt sich dieser Wert für Gewässer, in die Kippen gespült werden, jedoch nicht auf das Grundwasser übertragen.
Müllprobleme in Innenstädten und an Bahnhöfen
An den Stränden ist das Problem offenbar kleiner als gedacht oder zumindest weniger sichtbar. Orte wie St. Peter-Ording im Kreis Nordfriesland und Büsum im Kreis Dithmarschen melden auf NDR Anfrage kaum Probleme, wie die Tagesschau berichtet. Auch das Strandmüll-Monitoring auf Sylt zählt Kippen nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Der Verein Naturfreunde Schleswig-Holstein berichtet jedoch, dass dieser Eindruck täuschen kann, da Strände in der Saison täglich gereinigt werden, sich Kippen in den Sand eingraben oder ins Meer gespült werden. Die eigentlichen Brennpunkte liegen laut dem Verein ohnehin an Bahnhöfen, Bushaltestellen und in Innenstädten – und zwar "unabhängig davon, ob es Entsorgungsmöglichkeiten gibt". Bei einer Sammelaktion in der Kieler Innenstadt kamen die Naturfreunde mit rund 30 Helfenden binnen einer Stunde nach eigenen Angaben auf 20.000 Kippen.
Flickenteppich bei Bußgeldern
Wer beim Wegschnippen erwischt wird, muss zahlen – zumindest theoretisch. Eine Abfrage bei zehn Kommunen zeigt einen Flickenteppich: In Eckernförde im Kreis Rendsburg-Eckernförde werden 10 Euro fällig, in Kiel und Lübeck 25 Euro, in Husum 50 Euro und in Flensburg sowie Neumünster bis zu 150 Euro. Geahndet wird jedoch kaum. Sylt, Husum und Norderstedt im Kreis Segeberg melden für die vergangenen Jahre null Verfahren. Neumünster verzeichnete seit 2023 zwei Verfahren, Lübeck seit Anfang 2025 sechs Verfahren mit einer Gesamteinnahme von 207 Euro. Gezielte Kontrollen gibt es fast nirgends, und eingeschritten wird meist nur bei Zufallsbeobachtungen. Einzige Ausnahme ist Flensburg, das seit Mai eigene Waste Watcher losschickt, allerdings nicht mit dem Fokus auf Zigarettenkippen.
Anreize und Verbote im Vergleich
Stattdessen setzen die Kommunen auf Anreize. In Kiel stimmen Rauchende am "Kippenorakel" mit ihrer Kippe über Fragen ab, wodurch nach Angaben der Stadt bereits über eine Million Stummel zusammenkamen. Husum verteilt den Taschenaschenbecher "Husums lütter Mülleimer", St. Peter-Ording hat eine Mülltrennstation mit eigenem Kippen-Einwurf, und die Gemeinde Sylt stellt Hinweisschilder auf. Am Eckernförder Strand gilt bereits ein Rauchverbot, wo laut den Naturfreunden kaum noch Kippen zu finden sind. Von den Abstimmungs-Aschenbechern hält der Verein hingegen wenig und bezeichnet sie als "Spielereien", die vom Ernst des Problems ablenkten. Wirksamer seien Rauchverbote mit klarer Beschilderung. Das Bewusstsein für die Umweltbelastung wächst zwar laut den Naturfreunden, eine schrumpfende Zahl an weggeworfenen Kippen lässt sich bislang jedoch nicht belegen.