Wandel und Zusammenhalt auf der Woltmershauser Straße
Die Woltmershauser Straße in Bremen erstreckt sich über 2,4 Kilometer und ist geprägt von Kontrasten, Vielfalt und einem starken Zusammenhalt der Anwohner. Trotz des Verschwindens vieler Geschäfte und Kneipen erfindet sich die Straße hinter dem Eisenbahntunnel immer wieder neu.
Kein Geldautomat, aber 5000 Kilometer für rumänisches Essen. Prioritäten muss man haben.
— Rocky, Chefkolumnist
Illustration: KI-generiert
Die Woltmershauser Straße in Bremen erstreckt sich über eine Länge von 2,4 Kilometern entlang der Weser und beherbergt 574 Hausnummern. Trotz des spürbaren Wandels, dem Fehlen von Kneipen und eines Geldautomaten, zeichnet sich die Straße hinter dem Eisenbahntunnel durch die Vielfalt ihrer Bewohner und einen ausgeprägten Zusammenhalt aus. Verschiedene Generationen und Kulturen prägen das Leben auf dieser geschichtsträchtigen Meile, wie die Tagesschau berichtet. Die Straße beginnt am Eisenbahntunnel, der lange Zeit den einzigen Zugang in das Viertel darstellte. Gleich zu Beginn betreibt Claudio Nitoi ein Lebensmittelgeschäft. Vor acht Jahren zog der ehemalige Landwirt aus den Südkarpaten in Rumänien mit seiner Frau nach Bremen. Seine Waren holt er bis heute persönlich aus seiner Heimat. "Einmal im Monat fahre ich 5.000 km, 2.500 km dahin, 2.500 km wieder zurück", erzählt Nitoi. Damit versorgt er als Einziger in ganz Bremen seine Landsleute mit heimatlichen Lebensmitteln. Laut Bremens Ausländerzentralregister lebten 2024 2.600 Rumänen in Bremen – im Land Bremen waren es insgesamt rund 4.000.
Zusammenhalt zwischen Kiosk und Friseursalon
Direkt vor Nitois Geschäft befindet sich die Haltestelle der Buslinie 24, die als zentrale Verbindung im Sieben-Minuten-Takt durch den Stadtteil fährt. "Der Bus ist immer voll – so mittags, nachmittags, er ist immer voll. Da fahren alle hier rein", berichtet Rapper Borahan Aravi, der an der Straße aufgewachsen ist. "Und keiner kommt wieder raus", ergänzt Rapper Pascal Gierke. Die beiden Musiker trafen sich stets an einem Kiosk, von wo aus sie das Geschehen beobachten. Früher galt die Straße mit einst 62 Kneipen als Bremens längste Theke. Gierke berichtet von traditionellen Kneipen-Schlägereien und Auseinandersetzungen mit Personen aus Seehausen. Er beschreibt die Bewohner der Woltmershauser Straße als: "Nur Hitzköppe – wirklich nur Hitzköppe."Die Straße kann jedoch auch ein hartes Pflaster sein. Rapper aus der Neustadt Borahan Aravi erklärt dazu: "Die Woltmershauser kann ein hartes Pflaster sein. Ich glaube, dass man schnell hier abrutschen kann, ja? Hier ist auch sehr viel, wie sagt man so schön, Gesocks, auch was Drogen angeht, sage ich ehrlich. Hier gibt es viele, die...die sehen nicht mehr gut aus, sage ich offen und ehrlich, die sehen alles andere als gut aus und nicht gesund." Zudem berichtet er von extremen Erlebnissen: "Aus dem Nichts kannst du da alles erleben – Festnahmen. Ich bin morgens aufgestanden, gegenüber war eine dicke Razzia auf einmal, genau gegenüber. Kein Witz". Dabei hoben Einsatzkräfte mit einem Kran einen im Garten vergrabenen Tresor aus. Pascal Gierke erinnert sich ebenfalls an Kriminalität: "Einmal wurde mein Fahrrad geklaut – das habe ich dann dahinten wiedergefunden. Und das war ein Kollege von mir, der das geklaut hat, der Penner". Dennoch betont er: "Hier kannst du auch Spaß haben und alle halten hier auch zusammen, wenn irgendwas ist." Auch ein unbenannter Bewohner hält fest: "Wir werden immer hierher zurückkommen. Das ist einfach irgendwie Gesetz der Natur, das gehört hier dazu."
Tradition und Wandel im Gewerbe
Ein fester Bestandteil der Straße ist der Friseursalon von Friseur Herbert Pawel, den er vor 38 Jahren im Alter von 28 Jahren übernahm. Während früher bis zu acht Angestellte dort arbeiteten, ist heute noch eine Friseurin an seiner Seite. Pawel erinnert sich an Zeiten, als die Arbeiter der Neptun-Werft und anderer Betriebe an der Weser die Geschäfte belebten. "Es gab ganz viele Blumengeschäfte – weil die Herren, wenn sie aus der Kneipe kamen, ja was mitbringen mussten, um ihre Frauen zu besänftigen", erzählt Pawel. Heute existieren weder die Werft noch die Blumenläden. "Joar, und jetzt haben wir gar kein Blumengeschäft mehr – und von den Kneipen sind vielleicht noch eine oder zwei da. Keine Schlachtereien mehr hier und auch das ist etwas, was den Stadtteil aufweicht, weil die Leute einfach rausmüssen aus dem Stadtteil, um ihre Sachen zu kaufen und dadurch mehr Bewegung drin ist jetzt." Seinen Salon möchte Pawel erst verlassen, wenn er tot umfällt.
Neue Ideen und internationale Einflüsse
Trotz des Rückgangs traditioneller Geschäfte entstehen neue Konzepte. Geschäftsinhaber Adnan Ramazan betreibt erfolgreich ein Bekleidungsgeschäft, dessen Kunden gezielt über soziale Medien auf die Straße gelockt werden. Für ihn ist die Woltmershauser Straße die beste Straße in ganz Bremen. Insgesamt sind hier Menschen aus rund 20 verschiedenen Nationen zu Hause. Einer von ihnen ist Gastronom Mohammed Hassoun, der im Alter von acht Jahren aus dem Libanon nach Bremen kam. Seit 28 Jahren betreibt er einen Pizzabringdienst, der eine der wenigen verbliebenen Gastronomien in der Straße darstellt.
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