Schlichten statt klagen: Wie Schiedsleute Nachbarschaftsstreits in Schleswig-Holstein lösen
Bei Konflikten um Hecken, Lärm oder Wärmepumpen helfen in Schleswig-Holstein rund 460 ehrenamtliche Schiedspersonen. Sie bieten eine günstige Alternative zum Gerichtsprozess, auch wenn die Schlichtung zunehmend Fingerspitzengefühl erfordert.
Sabbeln hilft meist mehr als Klagen. Und spart ordentlich Taler für Fischbrötchen.
— Rocky, Chefkolumnist
Illustration: KI-generiert
In Schleswig-Holstein helfen rund 460 ehrenamtliche Schiedsmänner und -frauen dabei, Nachbarschaftskonflikte ohne Gericht zu lösen. Obwohl die Zahl der Fälle stabil bleibt, berichten Schiedsleute von steigenden Anforderungen an ihr Verhandlungsgeschick. Eine Schlichtung ist dabei oft eine deutlich kostengünstigere Alternative zu einem Gerichtsverfahren. Seit fast 12 Jahren ist Schiedsmann Henning Junge in Lübeck-St. Gertrud tätig und hilft Nachbarn, wieder gut nebeneinander leben zu können. Doch das wird immer schwieriger. „Der Gedanke ''Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht'' wirkt sich zunehmend stärker aus“, sagt Junge. In seinem Schiedsbezirk gibt es viele Einfamilienhäuser und Gärten, was Potenzial für klassische Nachbarschaftsstreits wie zu hohe Hecken, überragende Äste oder Grilllärm bietet. Damit solche Fälle nicht direkt vor Gericht landen, kümmern sich die Ehrenamtlichen vor allem um bürgerliche Rechtsstreitigkeiten.
Neue Trends bei Schlichtungsverfahren
Die Zahl der Fälle ist laut dem Landesverband im Bund Deutscher Schiedsmänner- und Frauen über die Jahre recht stabil, wie die Tagesschau berichtet. Im vergangenen Jahr wurden die Schiedspersonen in rund 1.600 Fällen tätig, wovon 960 sogenannte Tür- und Angelfälle waren, bei denen oft Tipps am Telefon ausreichten. In rund 650 Fällen kam es zu einem offiziellen Schlichtungsverfahren, wobei es in weniger als 30 Fällen um Strafsachen wie die Verletzung des Postgeheimnisses ging. Neben klassischen Themen wie Hecken und Zäunen zeigen sich neue gesellschaftliche Trends: Es gibt vermehrt Anfragen zu vermeintlich zu lauten Wärmepumpen, Solarzäunen oder Bäumen, die Schatten auf Photovoltaikanlagen werfen.
Der Ablauf einer Schlichtung
Der erste Schritt ist meist ein Anruf bei der zuständigen Schiedsperson für einen kurzen Austausch. Junge fragt oft zuerst, ob die Nachbarn überhaupt schon miteinander gesprochen haben. „Dann hat es sich oft schon erledigt.“ Bei einem Schlichtungsantrag werden beide Parteien an einen neutralen Ort eingeladen, wie etwa das Rathaus, das Esszimmer von Junge oder den Bürgersteig vor den Häusern. Schiedsmann Matthias Gerken aus Wasbek berichtet, dass hinter den Konflikten oft angestauter Ärger steckt: „Manche bringen zur Verhandlung rote Aktenordner mit, wo drinsteht, was der Nachbar wann gemacht hat.“
Herausforderungen und Kosten
Eine gemeinsame Lösung zu finden, sei in den vergangenen Jahren schwieriger geworden, berichten mehrere Schiedsleute im Gespräch mit NDR Schleswig-Holstein. Laut Landesvorstand Harry Preetz aus Fockbek besteht oft die Erwartungshaltung, dass der Schiedsmann die Angelegenheit für den Antragsteller löst; zudem erscheinen Parteien immer häufiger mit Anwälten. Seit Corona sei der Ton rauer und Beleidigungen härter geworden, erzählt Schiedsmann Sven Fehrenschild aus dem Amt Büsum-Wesselburen und Vorsitzender des Schiedsbezirks Itzehoe. Für Claus Röhe aus dem Amt Nordsee-Treene ist Plattdeutsch ein echter Türöffner, der die Schlichtung erleichtert. Bleibt eine Einigung aus, erhalten Antragsteller eine Erfolglosigkeitsbescheinigung für das Gericht. Dies ist jedoch in rund zwei Dritteln der Fälle in Schleswig-Holstein nicht nötig, da sie mit einem Vergleich enden. Eine Schlichtung kostet zwischen 20 und 75 Euro und ist damit günstiger als ein Gerichtsprozess. „Happy bin ich, wenn es am Ende gelingt, einen Vergleich zu formulieren, den beide Parteien unterschreiben und zufrieden aus der Tür gehen“, sagt Junge. „Das macht mich zufrieden.“
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