Die Legende der Segellore: Wie Magda Matthiesen die Hallig Oland versorgte
Als einzige Segelloren-Kapitänin der Welt sicherte Magda Matthiesen jahrzehntelang die Versorgung der Halligen. Heute erinnern Nachbauten und moderne E-Loren an die historische Schienenverbindung im Wattenmeer.
Magda Matthiesen wurde 1898 auf Oland geboren. Sie war die Tochter eines Schiffers, der von Husum auf die Hallig gekommen war und ein Boot des Wasserbauamts führte. Nach dem Unfalltod des Vaters im Jahr 1918 musste die Mutter mit sieben Kindern mit einer kleinen Rente auskommen. Das Leben war beschwerlich: Matthiesen reinigte die kleine Halligschule, läutete die Kirchenglocke und arbeitete später in einer Kantine auf Sylt sowie als Schaffnerin bei der Straßenbahn in Flensburg.
Bei Kriegsende 1945 zog sie zu Fuß übers Watt zurück nach Oland. Dort übernahm sie von ihrem Onkel die Segellore und damit die Halligversorgung über den Damm, der von Dagebüll nach Oland und weiter nach Langeneß führt. Dieser war von 1927 bis 1929 mit einer Steinabdeckung neu errichtet und mit einem Schmalspurgleis versehen worden, wie die shz berichtet. Auf dem Schienenstrang quer durch das Wattenmeer transportierte sie Post, Lebensmittel, Waren verschiedenster Art und gelegentlich auch Feriengäste.
Kein Komfort für Fahrgäste
Wer bei der Kapitänin einstieg, durfte keinen Komfort erwarten. Die Passagiere saßen ungeschützt vor Gischt und Wind auf der Lore und mussten nicht selten kräftig mit anpacken. Obwohl ihre mühsame Tätigkeit abseits aller Klischees wenig mit Romantik zu tun hatte und ihr nur einen kargen Lebensunterhalt einbrachte, führte die Einmaligkeit ihres Berufs zu großer Publizität im In- und Ausland. Presse, Funk und Fernsehen berichteten häufig über sie.Als die ersten motorisierten Loren aufkamen, verweigerte sich Matthiesen dem technischen Fortschritt. Mit diesem „neumodischen Kram“ wollte sie nichts zu tun haben. Sie vertraute lieber auf ihre Segelkenntnisse und die reine Kraft des Windes. Mit 70 Jahren ging sie in den Ruhestand und verbrachte ihren Lebensabend in Niebüll-Deezbüll. Am 10. Juli 1976 schloss sie für immer die Augen und fand auf Oland ihre letzte Ruhe.
Moderne Loren auf den Halliggleisen
Auch auf dem Damm hinüber nach Nordstrandischmoor verkehrte in früheren Tagen eine Segellore. „Sie wurde gemeinschaftlich von den Halligbewohnern genutzt“, weiß Nordstrander Bürgermeisterin Ruth Hartwig-Kruse. Heute knattern motorisierte Loren über den Damm von Lüttmoorsiel im Beltringharder Koog hinüber nach Nordstrandischmoor und von Dagebüll nach Oland und Langeneß. Sie gehören dem Landesbetrieb für Küstenschutz oder den Halligbewohnern, die sie zumeist selbst konstruiert haben.Die kleinen Schienenfahrzeuge erreichen etwa 20 Stundenkilometer. Falls zwei Loren aufeinandertreffen, gilt die Regel: Wer mehr als die Hälfte der Strecke hinter sich hat, darf fahren, der andere wartet an einer Ausweichstelle. Seit 2021 ist auf den Schienen im Wattenmeer die erste E-Lore unterwegs, die fast so umweltfreundlich verkehrt wie die windbetriebene Lore. Tagestouristen suchen vergeblich nach einem Fahrkartenschalter, da nur Halligbewohner und registrierte Übernachtungsgäste die Schienenverbindung nutzen dürfen.
Wer sich heute einen Eindruck von dem ungewöhnlichen Transportmittel verschaffen möchte, kann sich auf die Hallig Langeneß begeben. Tischler Karsten Hansen baute nach alten Bildern eine Segellore nach, die seit 2004 auf der Langenesser Ketelswarf zu besichtigen ist.