Neue Gasprojekte im Mittelmeer stärken Europas Energieversorgung
Mit der Erschließung des Gasfeldes Cronos vor Zypern und einer engen Partnerschaft mit Algerien ordnet Europa seine Energieversorgung neu. Italien profitiert dabei besonders von diversifizierten Lieferwegen im Mittelmeerraum.
Warmes Gas aus dem Süden schadet uns im kühlen Norden ja nicht.
— Rocky, Chefkolumnist
Illustration: KI-generiert
Die europäische Energieversorgung stellt sich nach dem Einbruch russischer Lieferungen neu auf, wobei der Mittelmeerraum als strategische Achse an Bedeutung gewinnt. Während das Energieunternehmen Eni gemeinsam mit TotalEnergies das Gasfeld Cronos vor Zypern erschließt, festigt Algerien seine Rolle als wichtigster Gaslieferant für Italien. Diese Entwicklungen treiben eine tiefgreifende Neuordnung der europäischen Gaswege voran. Eni und TotalEnergies haben die endgültige Investitionsentscheidung für die Erschließung des Gasfeldes Cronos getroffen. Das Feld liegt im Block 6 vor der Küste Zyperns, an dem beide Unternehmen jeweils mit 50 Prozent beteiligt sind. Es handelt sich um die erste Erdgasentwicklung in der Geschichte Zyperns, deren erste Lieferungen im Jahr 2028 auf den Markt kommen sollen. Das 2022 entdeckte Feld liegt rund 185 Kilometer vor der Südwestküste Zyperns in tiefem Wasser und enthält nach Unternehmensangaben mehr als drei Billionen Kubikfuß Gas. Geplant sind vier Unterwasserbohrungen mit einer täglichen Förderkapazität von rund 500 Millionen Kubikfuß, was etwa 2,8 Millionen Tonnen Flüssigerdgas (LNG) pro Jahr entspricht.
Erschließung des Gasfeldes Cronos vor Zypern
Das Gas soll vor allem von vorhandener Infrastruktur profitieren. Es wird über eine Unterwasserleitung von Zypern nach Ägypten transportiert, dort über Anlagen des von Eni betriebenen Gasfeldes Zohr weiterverarbeitet und schließlich im Verflüssigungsterminal Damietta zu LNG verarbeitet, um insbesondere nach Europa exportiert zu werden. Die Nutzung bestehender Anlagen soll die Umsetzung beschleunigen, Kosten senken und die Umweltbelastung begrenzen. Seit einem Abkommen zwischen Zypern und Ägypten vom Februar 2025 wurden die wesentlichen kommerziellen und vertraglichen Vereinbarungen getroffen. Eni-Chef Claudio Descalzi bezeichnete Cronos als "einen beschleunigten und greifbaren Schritt" auf Zyperns Weg zum europäischen Gasproduzenten und -exporteur. Das Projekt könne zum Aufbau eines regionalen Gashubs im östlichen Mittelmeer beitragen. Für TotalEnergies ist Cronos ein weiterer Baustein beim Ausbau des LNG-Portfolios, das bis 2030 auf rund 60 Millionen Tonnen jährlich steigen soll.
Algerien als wichtigster Gaslieferant
Während Italien auf die künftige Gasförderung Zyperns blickt, bleibt Algerien vorerst sein mit Abstand wichtigster Lieferant, wie Euronews berichtet. Algeriens Präsident Abdelmadjid Tebboune bekräftigte, Italien sei der größte europäische Abnehmer algerischen Gases - noch vor Spanien und Frankreich. Ohne konkrete Mengen zu nennen, unterstrich Tebboune die Bedeutung des Energiesektors für Algeriens Wirtschafts- und Außenpolitik. Seine Äußerungen folgten auf ein Telefonat mit Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Beide Regierungschefs bekräftigten den Willen, die strategische Partnerschaft ihrer Länder in den Bereichen Energie, Industrie und Wirtschaft weiter auszubauen. Auch Projekte des sogenannten Mattei-Plans für Afrika kamen zur Sprache, darunter das Exzellenzzentrum "Enrico Mattei" in Sidi Bel Abbès, das Ausbildung und Innovation in der Landwirtschaft fördern soll.
Neuordnung der europäischen Gaswege
Italien importiert rund 95 Prozent seines Gasbedarfs und hat seine Bezugsquellen nach dem weitgehenden Ende der Abhängigkeit von russischem Gas deutlich diversifiziert. Algerien deckt über die TransMed-Pipeline rund 36 Prozent der italienischen Gasimporte ab. Es folgen Aserbaidschan mit rund 16 Prozent über die Transadriatische Pipeline TAP, LNG aus den USA sowie Lieferungen aus Nordeuropa, insbesondere aus Norwegen und den Niederlanden. Weitere wichtige Partner sind Katar und Libyen. Pipelinegas aus Algerien und Aserbaidschan ist in der Regel günstiger als LNG, da Kosten für Verflüssigung, Seetransport und Wiederverdampfung entfallen. Italien setzt auf eine Mischung aus vergleichsweise stabilen Pipeline-Lieferungen und LNG, um die Versorgung abzusichern, ohne das Land erneut von einem einzelnen Lieferanten abhängig zu machen. Die jüngsten Spannungen an der Straße von Hormus haben zudem gezeigt, wie anfällig LNG aus der Golfregion für Preisschwankungen und logistische Risiken ist, was die strategische Bedeutung der Mittelmeerrouten zusätzlich erhöht.
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