Kommerzielle Abregelung von Ökostrom in Deutschland deutlich gestiegen
Während europaweit die Abschaltung von Solar- und Windkraftanlagen zurückgeht, verzeichnet Deutschland einen deutlichen Anstieg. Experten fordern stärkere Investitionen in Speicher und flexible Technologien.
Zuviel Wind und wir drehen die Mühlen ab? Versteh einer die Landratten.
— Rocky, Chefkolumnist
Illustration: KI-generiert
Im ersten Halbjahr 2026 verzeichnete Deutschland einen deutlichen Anstieg bei der gezielten Abschaltung von Solar- und Windkraftanlagen, während dieser Trend im restlichen Europa rückläufig war. Fachleute weisen darauf hin, dass nationale Förderregelungen wie das deutsche Solarspitzengesetz starke wirtschaftliche Anreize für diese Abregelungen schaffen. Um die ungenutzte Energie künftig zu sichern, fordern Experten verstärkte Investitionen in Speichertechnologien und flexible Netze. Im ersten Quartal 2026 deckten erneuerbare Energien laut Eurostat 45,5 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in der EU. Die Mitgliedstaaten lösen sich Schritt für Schritt von klimaschädlichen fossilen Brennstoffen. Den größten Anteil hatte Windkraft mit 44,9 Prozent des erneuerbaren Energiemixes, gefolgt von Wasserkraft mit 28 Prozent und Solarstrom mit 17,3 Prozent. Vor dem Hintergrund des Kriegs gegen Iran steigen Öl- und Gaspreise stark an. Das treibt Europas Verbraucher zusätzlich in Richtung Energiewende. Gleichzeitig nehmen negative Strompreise zu und erreichen etwa auf der Iberischen Halbinsel Rekordwerte. In solchen Phasen fällt der Großhandelsstrompreis unter null, weil das Angebot die Nachfrage übersteigt. Dies bereitet zunehmend Sorgen, da Solar- und Windkraft Strom vor allem abhängig vom Wetter und nicht vom tatsächlichen Bedarf erzeugen.
Ursachen für die Abschaltung von Ökostrom
Anlagen werden häufig zeitweise abgeschaltet oder gedrosselt; Fachleute sprechen von Abregelung. Das passiert auch bei extremem Wetter, etwa wenn starker Wind den sicheren Betrieb von Turbinen gefährdet. Kommt es allein deshalb zur Abregelung, weil die Stromproduktion sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt und nicht wegen Netzengpässen, sprechen Expertinnen und Experten von preisabhängiger oder kommerzieller Abregelung. Eine neue Analyse des Energieinformationsdienstes Montel zeigt, dass die kommerzielle Abregelung im ersten Halbjahr 2026 in den meisten Teilen Europas im Vergleich zum Vorjahr zurückging – mit einer großen Ausnahme. In Deutschland nahm die kommerzielle Abregelung um 20 Prozent zu, von 1.216 auf 1.463 GWh, wie Euronews Deutschland berichtet. Gleichzeitig sank die Zahl der Stunden mit negativen Preisen von 389 auf 299, ein Rückgang um 23 Prozent. Das heißt: Sobald die Preise unter null fallen, werden heute deutlich mehr erneuerbare Anlagen abgeschaltet als zuvor. Nach dem deutschen Solarspitzengesetz, das vergangenes Jahr in Kraft trat, verlieren neu errichtete erneuerbare Anlagen ihren garantierten Förderzuschlag, sobald die Großhandelspreise negativ werden. Nach Einschätzung von Expertinnen und Experten schafft das einen „deutlich schärferen wirtschaftlichen Anreiz“ für Betreiber, Anlagen abzuschalten statt mit Verlust weiter Strom zu produzieren. „Seit Einführung des deutschen Solarspitzengesetzes im Februar 2025 verlieren neu in Betrieb genommene erneuerbare Anlagen ihre Förderzahlungen sofort, sobald Großhandelsstrompreise negativ werden. Bleiben die Preise genau bei null, erhalten sie dagegen die volle Vergütung“, erklärt Studienautor Jean-Paul Harreman. Hinzu kommt, dass Deutschlands Umstellung auf viertelstündliche Day-Ahead-Auktionen im vergangenen Oktober die Zahl kurzer Phasen mit negativen Preisen erhöht hat.
Gegenläufige Trends in Europa
Den stärksten Gegensatz zu Deutschland bildet Frankreich: Dort ging die kommerzielle Abregelung im Jahresvergleich um 32 Prozent zurück, obwohl die Zahl der Stunden mit negativen Preisen um 14 Prozent stieg. Die stark steigende Produktion aus Atomkraft und Solarenergie drückte die Preise zwar häufiger unter null, doch die französischen Förderregeln setzen Anreize, weiter sauberen Strom zu erzeugen statt abzuschalten. Die Studie verweist zudem auf die Hitzeperiode Ende Juni, die wegen des hohen Kühlbedarfs den Stromverbrauch steigen ließ und „Mittagsüberschüsse an den heißesten Tagen“ weitgehend beseitigte. Den deutlichsten Rückgang unter den zehn untersuchten Ländern verzeichnete jedoch Finnland. Dort schrumpfte die kommerzielle Abregelung um beeindruckende 89 Prozent, die Stunden mit negativen Preisen gingen von 337 auf nur 40. „Der Auslöser war ein hydrologisches Defizit in Nordeuropa, das die Großhandelspreise steigen ließ und die Überangebotssituation, die für negative Preise verantwortlich war, weitgehend beseitigte“, heißt es in dem Bericht. „Die Wasserbilanz in Nordeuropa hat sich binnen eines Jahres von einem komfortablen Überschuss zu einem deutlichen Defizit im Jahr 2026 gewandelt. Die Schneemengen in Norwegen liegen nahe dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren, die Stauseen sind deutlich unter dem Normalniveau.“ Auch in den Niederlanden, Belgien, der Schweiz und Polen ging die kommerzielle Abregelung zurück.
Lösungsansätze gegen Energieverschwendung
„Die Ergebnisse zeigen, dass kommerzielle Abregelung im ersten Halbjahr dieses Jahres zunehmend von nationaler Marktgestaltung, Förderregelungen, Wettermustern und Flexibilität geprägt war – und weniger allein vom Wachstum der Erneuerbaren“, sagt Harreman. „Deutschland bleibt das deutlichste Beispiel dafür, dass Investitionen in Speicher, Laststeuerung und andere flexible Technologien nötig sind, um wachsende Mengen erneuerbaren Stroms aufzunehmen, die sonst aus wirtschaftlichen Gründen abgeregelt würden.“ Batteriespeicher gelten als wichtigstes Mittel, um Stromverschwendung zu vermeiden und die Flexibilität von Wind- und Solanlangen zu erhöhen. Gewerbliche und industrielle Batteriespeicher sollen sich Schätzungen zufolge in den kommenden Jahren etwa verdreifachen, von neun GWh im Jahr 2026 auf 24 GWh im Jahr 2028. Branchenkenner halten noch deutlich mehr Investitionen für notwendig. Eine Studie der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA) aus dem Jahr 2026 kommt zu dem Schluss: Kombiniert mit Batteriespeichern können Solar- und Windstrom bei den Kosten mit neuen Kohlekraftwerken konkurrieren und zugleich eine zuverlässige Stromversorgung rund um die Uhr sichern – unabhängig vom Wetter. Als weitere zentrale Lösung gegen Energieverschwendung in Europa gelten intelligente Stromzähler. Sie geben Haushalten mehr Kontrolle über ihren Verbrauch und ermöglichen es, flexible „Time-of-use“-Tarife zu nutzen, die niedrigere Preise bieten, wenn die Nachfrage gering oder die Produktion aus Erneuerbaren hoch ist. Solche flexiblen Tarife animieren Haushalte dazu, stromintensive Geräte wie Waschmaschinen dann laufen zu lassen, wenn viel erneuerbare Energie verfügbar ist. So lassen sich Nachfrage und Angebot besser aufeinander abstimmen. Auch eine stärkere Elektrifizierung der Haushalte, etwa durch den Umstieg auf Elektroautos, kann helfen, Preise unter null zu vermeiden, indem sie die Nachfrage in Zeiten hohen Angebots erhöht.
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