Rasanter Anstieg von Windpockenfällen in den Lagern im Gazastreifen
In den überfüllten Notunterkünften im Gazastreifen breiten sich Windpocken und andere Hautkrankheiten rasant aus. Medizinische Hilfskräfte warnen vor einer unzureichenden Versorgung und fehlenden Isolationsmöglichkeiten für erkrankte Kinder.
Mehr als die Hälfte der gemeldeten Fälle konzentriert sich im Gouvernement Khan Younis. Zudem registrierten Gesundheitsteams im gesamten Gazastreifen in derselben Woche über 18.000 neue Fälle ansteckender Hautkrankheiten wie Krätze, Kopfläuse und Impetigo. Für Familien, die in Zelten auf engstem Raum leben müssen, ist die medizinische Empfehlung zur Isolation kranker Kinder praktisch nicht umsetzbar.
„Sie haben gesagt, er müsse allein sein, mit eigener Matratze, eigener Kleidung und eigener Wäsche. Aber wo? Wir leben in einem Zelt, und es gibt buchstäblich keinen Platz“, berichtet Vertriebener Hamada Abu Ghali im Lager Nuseirat, wie Euronews meldet. Seine Tochter erhielt zunächst eine falsche Diagnose, bevor eine Dermatologin die Windpocken bestätigte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits einer ihrer Brüder infiziert. „Vor dem Krieg hatten wir ein Haus und mehrere Zimmer. Heute leben wir alle in einem einzigen Zelt“, sagt Abu Ghali. Sein Sohn wolle wie jedes Kind nach draußen gehen, doch die Umgebung biete keinen Schutz: „So sehr man auch versucht, ihn zu schützen: Sobald er hinausgeht, ist er von Abwasser und Müll umgeben. Alles an dieser Situation begünstigt die Ausbreitung der Krankheit.“
Prekäre Zustände in den Lagern
Auch Vertriebener Ahmed Abu Hussein aus Deir al-Balah schildert eine Situation, in der sich teilweise mehrere Familien ein einziges Zelt teilen müssen. „Theoretisch müsste er isoliert werden, weil es sich um eine ansteckende Krankheit handelt. Aber es gibt keinen Platz, und alle Kinder sind zusammen“, erklärt Abu Hussein. „Wir können sie nicht kontrollieren oder im Zelt halten, deshalb verbreitet sich die Infektion schließlich auf die ganze Familie.“ Nach Angaben der UN leben inzwischen rund 1,7 Millionen Menschen in mehr als 1.600 Lagern für Vertriebene im Gazastreifen, in denen Trinkwasser, Hygieneartikel und Sanitärdienste extrem knapp sind.Pädiater Dr. Sharif Mattar vom Al-Rantisi-Kinderkrankenhaus geht davon aus, dass die offiziellen Statistiken das tatsächliche Ausmaß des Ausbruchs deutlich unterschätzen. Da die meisten betroffenen Kinder in den Zelten oder Primärversorgungszentren behandelt werden, erreichen sie das Krankenhaus gar nicht und tauchen somit nicht in den Daten auf. Windpocken werden durch das Varizella-Zoster-Virus per Tröpfcheninfektion, direkten Kontakt mit Bläschen oder kontaminierte Oberflächen übertragen – Bedingungen, die in den überfüllten Lagern kaum kontrollierbar sind.
Eingeschränkte medizinische Versorgung
Krankenschwester Sheimaa Hajji, die in einem Gesundheitszentrum arbeitet, berichtet von täglich steigenden Fallzahlen bei Kindern mit Hautkrankheiten. Die meisten Patienten werden erst vorstellig, wenn sich der Ausschlag bereits großflächig ausgebreitet hat. Die Behandlung beschränkt sich mangels Vorräten auf die Linderung des Juckreizes und die Vermeidung bakterieller Sekundärinfektionen. „Das kranke Kind sollte von anderen Kindern ferngehalten werden, bis die ansteckende Phase vorbei ist. In den Zelten ist das nahezu unmöglich“, sagt Hajji. „Alle Kinder spielen zusammen und nutzen denselben Raum. So beobachten wir, wie sich die Krankheit von Kind zu Kind und von Familie zu Familie weiterträgt.“ Der Mangel an juckreizlindernder Kalamin-Lotion verschlimmert die Situation, da Kratzen zu Entzündungen führen kann.Direktor von Medical Relief im Gazastreifen Bassam Zaqout berichtet, dass Tausende während des Krieges geborene Kinder ihre Impfprogramme aufgrund von Einfuhrbeschränkungen für Impfstoffe nicht abschließen konnten. Er warnt zudem vor den Gefahren von Windpocken für Schwangere, da das Risiko für Komplikationen bei Mutter und Fötus steigt, während spezialisierte Geburtshilfe kaum verfügbar ist.