Zinn-Bergbau im Erzgebirge: Pläne gegen die Rohstoff-Abhängigkeit
Deutschland ist bei metallischen Rohstoffen fast vollständig von Importen abhängig. Ein Bergbauprojekt im Erzgebirge könnte künftig heimisches Zinn liefern, doch es gibt logistische Hürden.
Zinn aus dem Erzgebirge? Hauptsache, die lötige Elektronik läuft am Ende wieder rund.
— Rocky, Chefkolumnist
Illustration: KI-generiert
Deutschland ist bei metallischen Primärrohstoffen fast vollständig auf Importe angewiesen, was angesichts internationaler Krisen und Exportbeschränkungen zunehmende Risiken birgt. Um dieser Abhängigkeit entgegenzuwirken, plant das Unternehmen Saxore Bergbau GmbH die Reaktivierung eines historischen Bergwerks im Erzgebirge. Die dortigen Zinnvorkommen gelten als die größten bestätigten Ressourcen in der Europäischen Union. Die Verfügbarkeit wichtiger Rohstoffe ist stark gefährdet. Durch den anhaltenden Krieg im Iran ist die Straße von Hormus blockiert, was Lieferketten belastet. Zudem hat China seine Exportkontrollen für Seltene Erden verschärft, wodurch die europäischen Importe bestimmter Seltener Erden aus China in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 im Vergleich zum Vorjahr um 45 Prozent eingebrochen sind, wie Euronews berichtet. Bei Metallerzen und -konzentraten liegt die Importabhängigkeit der deutschen Industrie laut der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) bei fast 100 Prozent. Eine nennenswerte eigene Förderung findet derzeit nicht statt.
Die Bedeutung von Zinn und die globale Abhängigkeit
Seit den 1990er Jahren besitzt Deutschland keine eigene Primärzinnproduktion mehr. Zinn wird vor allem als Lötzinn benötigt, um elektronische Bauteile zu verbinden. In Deutschland wird das Metall zusätzlich stark als Lagermetall und in Bronzen verwendet. Die wichtigsten Lieferländer für Raffinadezinn sind laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) Indonesien, Bolivien, Brasilien und Thailand, während weltweit gerade einmal drei Länder, China, Indonesien und Myanmar, für mehr als 70 Prozent der globalen Förderung sorgen. DERA-Geologin Sophie Damm macht die Abhängigkeit deutlich: "Aufgrund des hohen Bedarfs an Zinn durch die deutsche Industrie und der fehlenden Primärförderung in Deutschland ist die hiesige Wirtschaft vollständig auf die Wiederverwertung von Zinn aus Schrotten und Abfällen, aus Zinnchemikalien sowie Zinnimporten aus dem Ausland angewiesen". Deutschland gilt laut DERA als größter Verbraucher und wichtigster Importeur von Raffinadezinn in der gesamten EU.
Pläne für ein Comeback im Erzgebirge
Die Saxore Bergbau GmbH aus Freiberg will das historische Bergwerk Tellerhäuser im Westerzgebirge als modernes Zinnbergwerk wiederbeleben. Geschäftsführer Matthias Faust sieht in der langen Bergbaugeschichte der Region einen entscheidenden Standortvorteil: "Das Erzgebirge hat eine 4.000 Jahre zurückgehende Tradition im Bergbau und ist vor allem wegen des früheren Uranbergbaus für die sowjetische Nuklearindustrie eine der am besten erkundeten Bergbauregionen der Erde, und das heißt, wir können auf diesen Datenschatz aufbauen, um mit relativ geringem Aufwand sehr gut erkundete Lagerstätten neu zu starten." Für ihn ist das Projekt mehr als nur ein weiteres Bergbauvorhaben: "Das Tellerhäuser-Projekt ist eine historisch einmalige Gelegenheit, um den Erzbergbau in Deutschland wiederzubeleben". Aktuell befindet sich das Projekt im Genehmigungsverfahren beim sächsischen Oberbergamt. "Wird dieser genehmigt, beginnen wir mit dem Auffahren des Bergwerkes", so Faust. Ein Probebetrieb sei allerdings frühestens 2029 realistisch.
Große Reserven und die Schwachstelle der Verarbeitung
Nach jüngsten Berechnungen liegen in Tellerhäuser rund 138.000 Tonnen Zinnmetall, was etwa 30 Prozent mehr als bisher angenommen ist und die Lagerstätte zur größten bestätigten Zinnressource in der EU macht. Faust sieht darin eine Chance, die Rohstoff-Abhängigkeit zu verringern: "Wenn die Lieferung ausbleibt, dann kommt die Produktion zum Stehen. Deswegen ist es wichtig, dass man vor der eigenen Haustür eine Ersatzlieferquelle hat, die sofort einspringen kann, falls mal die Lieferungen ausbleiben", erklärt der Saxore-Chef. Die Lagerstätte gilt als die größte polymetallische Lagerstätte in Europa und in den OECD-Ländern, dominiert durch Zinn sowie Zusatzprodukte wie Kupfer, Eisen, Silber und Indium. Während die USA strategische Zinnreserven aufbauen, gibt es in Europa keine vergleichbaren Maßnahmen. Zudem dämpft Geologin Sophie Damm die Erwartungen, da Deutschland über keine eigene Primärhütte für Zinn verfügt und das Konzentrat im Ausland verhüttet werden müsste. Die Versorgungssicherheit lasse sich dadurch nur "moderat und mit Einschränkungen" verbessern. Für Saxore bleibt das Projekt dennoch wichtig, da die Nachfrage durch Energiewende und E-Mobilität stark steigt.
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