Milliardenschäden nach Erdbeben in Venezuela: Weltbank beziffert Zerstörung
Nach den schweren Erdbeben in Venezuela schätzt die Weltbank die physischen Schäden auf rund 19,6 Milliarden Dollar. Für eine wirtschaftliche Erholung sind nun schnelle und gezielte Investitionen in den Wiederaufbau notwendig.
„Die Erdbeben haben das Leben der Menschen aus der Bahn geworfen, kritische Infrastruktur beschädigt und neue Herausforderungen für Venezuelas Wiederaufbau geschaffen“, erklärte Vizepräsidentin der Weltbank für Lateinamerika und die Karibik Susana Cordeiro Guerra in einer Mitteilung, wie Euronews berichtet. „Ein wirksamer Wiederaufbau beginnt mit verlässlichen Daten. Diese Bewertung gibt der Regierung Venezuelas und ihren Partnern früh eine objektive Grundlage für die Planung der Erholung, und die Weltbankgruppe wird diesen Prozess Schritt für Schritt unterstützen“, fügte Guerra hinzu.
Wohngebäude und Infrastruktur besonders betroffen
Nach der GRADE-Auswertung entfielen 47 Prozent der gesamten Schäden auf Wohngebäude. Die Infrastruktur machte 27 Prozent aus, während nicht zu Wohnzwecken genutzte Gebäude 26 Prozent beanspruchten. Besonders stark betroffen waren der Bundesstaat La Guaira und der Distrito Capital, wo sich etwa die Hälfte der Gesamtschäden konzentriert. Die Weltbankgruppe analysierte zudem mögliche makroökonomische und sozialwirtschaftliche Folgen des Bebens sowie die Bedeutung verschiedener Wiederaufbauszenarien.
Die Daten zeigen, dass das Tempo des Wiederaufbaus entscheidend dafür ist, wie gut sich Wirtschaft und Gesellschaft des Landes erholen. Angesichts der aktuell begrenzten öffentlichen und privaten Investitionen müssten Mittel für den Wiederaufbau vermutlich aus weniger dringlichen Projekten umgeschichtet werden. In einem solchen Szenario würde der Wiederaufbau mehr als 10 Jahre dauern und die wirtschaftliche Aktivität deutlich bremsen. Setzt die Regierung dagegen auf einen raschen Wiederaufbau und erhöht gezielt die Investitionen, ließen sich die wirtschaftlichen und sozialen Folgen deutlich abmildern.
Die Methodik der Schadensberechnung
Die GRADE-Methode liefert eine unabhängige und schnelle Einschätzung der unmittelbaren physischen Schäden nach schweren Katastrophen. Sie nutzt Satellitenbilder, Daten zur Gefährdungslage, Fernerkundung und Ingenieurmodelle. Im Fall der Erdbeben in Venezuela kombinierte GRADE Modelle zu Erdbebenschäden und Katastrophenrisiken mit Validierung und Kalibrierung sowie einer Bewertung des Kapitalstocks in verschiedenen Sektoren und Vermögenswerten.
Zum Einsatz kamen auch historische Daten und wissenschaftliche Informationen, etwa zu Bodenbewegungen, zur strukturellen Verwundbarkeit von Bauten, zur bebauten Umgebung und zur Bevölkerung. Ergänzt wurden sie durch gemeldete Schadensdaten von Regierungsstellen, lokalen Organisationen, internationalen Partnern sowie aus Medien und sozialen Netzwerken. Die GRADE-Bewertung für Venezuela wurde finanziell vom japanischen Staat unterstützt, über das Programm zur Verankerung von Katastrophenvorsorge in Entwicklungsländern und die Global Facility for Disaster Reduction and Recovery (GFDRR).
Berücksichtigung sozialer Risiken beim Wiederaufbau
Die Analyse hebt hervor, dass die Verwundbarkeit von Haushalten beim Wiederaufbau besondere Beachtung verdienen sollte. Sie umfasst soziale Faktoren wie Alter, Einkommen und Wohnqualität sowie die wirtschaftliche Lage und Umweltbedingungen, welche die Anfälligkeit bestimmter Bevölkerungsgruppen bestimmen. Sieben der am stärksten betroffenen Bundesstaaten – Miranda, La Guaira, Distrito Capital, Carabobo, Yaracuy, Aragua und Falcón – zählen zusammen rund 11,5 Millionen Einwohner, was etwa 40 Prozent der Landesbevölkerung entspricht. In diesen Gebieten steht zudem fast die Hälfte des gefährdeten Gebäude- und Infrastrukturbestands Venezuelas mit einem Wert von rund 657 Milliarden Dollar (576,8 Milliarden Euro).
Zu den besonderen sozialen Risikofaktoren in diesen Bundesstaaten gehören Haushalte mit einer Frau an der Spitze, Alleinerziehende sowie Familien mit älteren, behinderten oder chronisch kranken Angehörigen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass gerade die Wiederherstellung und Sicherung grundlegender Dienste wie Wasser- und Stromversorgung für diese Gemeinschaften besonders wichtig ist. Fehlende Dienste können bestehende Ungleichheiten weiter vertiefen, statt alle Haushalte gleichermaßen zu treffen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen der venezolanischen Regierung helfen, ihre Maßnahmen in den kommenden Monaten auf besonders dringliche Regionen und Bevölkerungsgruppen zu konzentrieren. Hohe Bevölkerungszahlen und begrenzte staatliche Kapazitäten bleiben jedoch zentrale Hindernisse für Tempo und Qualität von Hilfe und Wiederaufbau.