Anhaltende Dürre im Alpenraum zwingt Landwirte zu frühem Almabtrieb
Wegen akuten Wassermangels müssen Bauern in den Alpen ihr Vieh vorzeitig von den Almen ins Tal bringen. Die anhaltende Trockenheit sorgt zudem für drohende Futtermittelengpässe und Ernteausfälle.
Früher Almabtrieb und Hitzestress für das Vieh
In der Schweiz und in Österreich führt der Wassermangel zu verfrühten Almabtrieben. „Wir sparen Wasser wie verrückt“, sagt Jeanette Jöhl dem Schweizer Tagesanzeiger. Sie muss ihre 120 Kühe so früh wie noch nie zuvor von der Alm zurück ins Tal bringen. Andere Landwirte haben ebenfalls bereits Tiere, vor allem frisch abgekalbte Kühe, von den Bergen heruntergeholt. Neben dem Wassermangel leiden die Tiere unter Hitzestress, da es für Kühe bereits ab 16 Grad und für Schweine ab 20 Grad zu warm wird. Früher wurde in trockenen Sommern wie 2015 und 2018 in der Schweiz Wasser mit Hubschraubern auf die Alpen transportiert. So früh in der Saison lohne sich das jedoch nicht und Helikopter seien viel zu teuer, erklärt Jeanette Jöhl und fügt hinzu: „So etwas habe ich noch nie erlebt“. Wie Euronews berichtet, suchen politisch Verantwortliche im Kanton St. Gallen und in der gesamten Schweiz nach dauerhaften Lösungen, wie etwa Wasserreservoirs in den Bergen, für die jedoch Strom zum Pumpen benötigt wird.
Auch in Österreich ist die Lage angespannt. Präsident der Landwirtschaftskammer Oberösterreich Franz Waldenberger erläutert in der Bauernzeitung die Problematik vorzeitiger Almabtriebe: „Ein späterer Wiederauftrieb wäre zwar grundsätzlich möglich, bedeutet für die Betriebe jedoch einen erheblichen organisatorischen und wirtschaftlichen Mehraufwand“. Zudem steigen die Schlachtungszahlen. Mitte Juli wurden in der Schweiz innerhalb einer Woche „230 Tiere mehr zur Schlachtung angemeldet als in der Vorjahreswoche“, berichtet Sprecher der Proviande-Fleischerzeuger Philipp Haeberli von den Schlachtviehmärkten.
Katastrophale Grundsituation und Futtermangel
In Frankreich zwingt die Hitzewelle Bäuerinnen und Bauern dazu, auf Wintervorräte zuzugreifen und teures Heu zuzukaufen, weshalb Bauernverbände Nothilfe-Programme von der Regierung in Paris forderten. In Deutschland stellt sich die Situation ähnlich dar. „Die Grundsituation in der Landwirtschaft ist katastrophal“, erklärt Tobias Häring in der Schwäbischen Zeitung. Er betreibt mit seiner Frau Felicitas einen Aussiedlerhof im Schwarzwald mit 710 Schweinen, 1.200 Freilandhühnern und acht Galloway-Rindern. „Auf unserer Grünlandfläche wächst nichts mehr - die ist einfach vertrocknet. Wenn es nächstes Jahr noch mal so trocken ist, dann ist es richtig schlimm“, sagt Häring. „Dann wird es eng mit dem Futter für unsere Tiere, weil der Vorrat dieses Jahr aufgebraucht wird - das Problem haben gerade viele Landwirte.“
Hohe Ernteverluste und ausbleibender Regen
Laut einer Umfrage von Anfang Juli erwarteten 92,7 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Österreich Ernteverluste aufgrund der Trockenheit, im Schnitt wird mit einem Ausfall von 20,4 Prozent gerechnet. Gleichzeitig steigen die Preise für Energie und Düngemittel wegen des Iran-Kriegs und der blockierten Straße von Hormus. Klimatologe von GeoSphere Austria Alexander Orlik erklärt in der BauernZeitung: „Um den seit Jahresbeginn in Österreich fehlenden Niederschlag auszugleichen, müsste es in den kommenden Wochen im Flächenmittel rund 160 Liter pro Quadratmeter zusätzlich regnen. Es fehlt also der Niederschlag von einem gesamten und einem weiteren Drittel eines Sommermonats.“ Flächendeckende Niederschläge sind laut Prognosen vorerst nicht in Sicht.