Auszeichnung für Lebensretter: Warum Angst im Ernstfall ganz normal ist
Ministerpräsident Hendrik Wüst ehrt heute Bürger für ihren mutigen Einsatz in lebensbedrohlichen Situationen. Ein Experte erklärt, wie Ersthelfer trotz Schocksekunde erfolgreich handeln können.
Auszeichnung für mutige Lebensretter
Heute Abend ehrt Ministerpräsident Hendrik Wüst insgesamt 25 Retterinnen und Retter für ihren außergewöhnlichen Einsatz. Zu den Ausgezeichneten gehören sieben Personen, die nach dem Terroranschlag in Solingen die medizinische Erstversorgung der Opfer unterstützten. Zudem wird ein Mann aus Raesfeld geehrt, der den Sturz eines bewusstlosen Mannes vom Dach mit dem eigenen Körper abfing. Wie die Tagesschau berichtet, zeigen diese Beispiele, wie Menschen in extremen Notlagen über sich hinauswachsen.
Die Psychologie des Helfens im Ernstfall
Doch wie gelingt es, in solchen Momenten die eigene Angst zu überwinden? Dazu äußert sich Leander Thormann, Leiter Aus-, Fort- und Weiterbildung im Bereich Notfallvorsorge und Rettungsdienst beim DRK Niederrhein. Es sei völlig normal, in einer solchen Situation zunächst zu erstarren. "Das sind total menschliche Ängste", erklärt Thormann im Interview, das Andrea Oster im WDR 5-Morgenecho führte. Thormann führt weiter aus: "Kann ich da überhaupt helfen? Mach ich alles richtig? Komme ich ins Tun? Das sind total menschliche Ängste." In den seltenen Fällen, in denen Menschen wirklich Hilfe leisten müssen, gebe es zwar eine Schreckminute, doch danach kämen die meisten fast automatisch ins Handeln. "Am Ende ist es oft so, das sehen wir auch im professionellen Rettungsdienst, dass die Ersthelfenden schon wunderbare Maßnahmen eingeleitet haben", so Thormann. Das Einfachste sei dabei stets das Wählen des Notrufs 112.
Auf die Frage, ob das Eingreifen eine Frage der mentalen Verfassung sei, entgegnet Thormann: "Jeder Mensch mag natürlich ganz anders sein - vielleicht auch von seiner psychischen, mentalen Konstellation." Selbst bei einem Terrorangriff gebe es Personen, die sich schnell mental sortieren und ins Handeln kommen, obwohl der Eigenschutz stets vorgehen müsse. Wenn eine Person die Initiative ergreift, hat dies oft eine Signalwirkung auf andere. Thormann erklärt: "Das treibt natürlich auch Beobachtende an, wenn sie sehen, da greift schon jemand ein, da übernimmt jemand die Initiative." Solche Aufträge animierten andere zum Mitmachen, während die Psyche Ängste wie die Scheu vor Blut vorübergehend ausblende.
Erste-Hilfe-Kurse und soziales Engagement
Thormann rät dazu, Erste-Hilfe-Kurse regelmäßig aufzufrischen, die heute sehr einfach und lebensreal gestaltet seien. Früher äußerten Teilnehmer oft Bedenken wie: "Ja, da musste ich das lernen. Das war alles sehr, sehr stringent und mit ganz vielen mitunter komplizierten Handgriffen verbunden, die man dann schon 3 Wochen später vielleicht vergessen hatte". Heute helfe zudem das Personal der Rettungsleitstelle nach dem Notruf mit telefonischen Anweisungen. Die Bereitschaft zur Hilfeleistung in der Gesellschaft schätzt er positiv ein. Viele junge Menschen würden eine Notsituation erkennen und fragen: "Kann ich Ihnen helfen?", "Was kann ich für Sie tun?". Thormann betont abschließend: "Das soziale Engagement, die Bereitschaft anderen Menschen zu helfen, ist wesentlich größer, als man das vielleicht manchmal so auch in Presse oder Fernsehmeldungen gespiegelt bekommt."