Steigende Baukosten: Wie Baunormen das Wohnen verteuern
Die Kosten für den Wohnungsbau in Deutschland sind seit dem Jahr 2000 drastisch gestiegen. Bauträger machen dafür auch die Vielzahl an Baunormen verantwortlich und fordern mehr Flexibilität bei Verträgen.
Wenn Bauträger Hans-Jörg Kraus durch eine seiner Baustellen in Heidelberg geht, sieht er an vielen Stellen die Folgen von Baunormen. In einer Wohnung kurz vor der Fertigstellung ist direkt unterhalb eines Fensters ein länglicher Lüfter installiert, wie es eine Norm zum Schallschutz verlangt. Für Kraus handelt es sich dabei um einen Pseudo-Schallschutz: „Wir müssen diesen sehr teuren Lüfter einzubauen, um den Schall, der vielleicht in 20 Jahren von draußen reinschallen könnte, insbesondere nachts, abzusichern.“ Das Absurde daran sei, dass der Lüfter einen Eigenschall verursache, der fast genauso laut ist wie der prognostizierte Außenschall.
Kostensteigerung durch Normen
Für Kraus ist klar, dass Normen wie diese das Bauen unnötig teuer machen. Dies bestätigt auch die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen, ein gemeinnütziger Verein, der Länder, Bau- und Wohnungswirtschaft berät. Nach dessen Berechnungen sind die Kosten für Wohnungsbau in Deutschland seit dem Jahr 2000 um rund 245 Prozent gestiegen, wobei ein Fünftel davon auf veränderte Normen zurückzuführen sei. Im Fall des Heidelberger Bauträgers kostet alleine ein Lüfter für den Schallschutz 1.500 Euro. Diese Kosten gibt Kraus an seine Kunden weiter. Solange es solche Normen gebe, könne man nicht billiger bauen und im Umkehrschluss auch nicht billiger vermieten. „Je mehr Normen wir haben, desto mehr müssen wir die verschiedenen Gewerke aufeinander abstimmen und höherwertige Materialien einbauen“, sagt Kraus. „Und das verursacht per se, logischerweise, enorme Kosten.“ Genau hier sieht er einen Systemfehler und wirft den Arbeitsgruppen, die die Normen festlegen, vor, dass dort überproportional viele Vertreter aus Wirtschaft und Industrie mit einem Eigeninteresse säßen. Kraus kritisiert: „Die Industrie hat überhaupt kein Interesse daran, die Normen zu reduzieren und damit weniger Baustoffe zu verkaufen, denn die verdienen daran Geld.“Wie Normen entstehen
Tatsächlich werden die Normen für den Bau von Häusern und Wohnungen nicht von der Politik festgelegt, sondern vom Deutschen Institut für Normung (DIN). Das Institut beschreibt sich selbst auf seiner Internetseite als „privatwirtschaftlich organisiert und unabhängig“. Demnach arbeiten im DIN Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft zusammen, um Normen und Standards zu entwickeln. Auf Anfrage des SWR erklärte das Deutsche Institut für Normung, dass der Arbeitsausschuss für den Schallschutz zu 56 Prozent aus Vertretern der Wirtschaft bestehe. Dennoch sei die Zusammensetzung der Ausschüsse nicht entscheidend, wie die Tagesschau berichtet. In einer schriftlichen Stellungnahme des DIN heißt es: „Normen entstehen nicht durch Mehrheitsentscheidungen, sondern im Konsens. Das bedeutet: Unterschiedliche Positionen werden so lange diskutiert, bis eine Lösung gefunden ist, die alle beteiligten Kreise mittragen können - auch wenn sie nicht für jeden die Ideallösung ist.“ Zum Vorwurf der Kostensteigerung erklärte das DIN, dass Normen die Grundlage für effizientes und wirtschaftliches Bauen schafften: „Gleichzeitig spiegeln Normen technische, gesetzliche und gesellschaftliche Entwicklungen wieder. Wenn sich beispielsweise die Anforderungen an Klimaschutz, Sicherheit oder Barrierefreiheit ändern, findet das auch Eingang in die Normung - und kann im Einzelfall zu höheren Baukosten führen.“Gesetzentwurf soll Abhilfe schaffen
Obwohl die meisten Normen für Kraus nicht gesetzlich bindend sind, können sich Wohnungskäufer oder Mieter juristisch darauf als baulichen Standard berufen. Dieses unternehmerische Risiko will Kraus nicht eingehen: „Wenn wir nicht nach den anerkannten Regeln der Technik, also nach den Normen bauen, dann kann uns ein Käufer verklagen, und wir haben dann im Zweifel Mängel zu beseitigen, die Folgekosten haben, die ein Mehrfaches von dem verursachen, was wir ursprünglich an Kosten gehabt hätten.“ Er wünscht sich daher die Möglichkeit, mit Käufern frei zu vereinbaren, etwa einen geringeren Schallschutz für geringere Kosten einzubauen: „Es muss die Möglichkeit geben, dass wir mit unseren Käufern wieder frei vereinbaren dürfen, welchen Schallschutz oder welche Anzahl von Steckdosen wir bringen sollen - und das dann zum günstigeren Preis.“Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) stellt dies mit einem Gesetzentwurf in Aussicht. Sie erklärte unlängst: „Wir werden mit unserem Gesetzentwurf künftig ermöglichen, dass die Vertragspartner - der Bauherr, die Bauherrin auf der einen Seite, der Architekt, die Architektin, der Bauunternehmer auf der anderen - klare rechtliche Regelungen treffen können, um zu wissen: Was ist geschuldet, was ist der Standard, den wir wollen, und welchen Standard vereinbaren wir ganz bewusst nicht.“ Innerhalb der Bundesregierung laufen dazu interne Abstimmungen, und der Gesetzentwurf soll in den nächsten Monaten vom Kabinett offiziell auf den Weg gebracht werden. Im Fall des Heidelberger Lüfters ließen sich laut Kraus durch solche Absprachen Kosten sparen, die ohnehin kaum Einfluss auf den Schall im Schlafzimmer hätten.