Polnisches Unternehmen will kritische Rohstoffe aus Industrieabfällen zurückgewinnen
Das Warschauer Unternehmen Grupa Virtus setzt auf die Rückgewinnung wertvoller Metalle aus alten Abraumhalden. Mit einer mobilen Technologie sollen kritische Rohstoffe recycelt und so die Abhängigkeit von China verringert werden.
Die Grupa Virtus, die bis Februar unter dem Namen Raen tätig war, hat ihre strategische Ausrichtung geändert. Nach Investitionen in die Photovoltaik-Branche setzt das Unternehmen nun auf die Rüstungsindustrie, Dual-Use-Technologien und die Rohstoffrückgewinnung. Im Gespräch mit Euronews-Journalistin Aleksandra Gałka-Reczko, wie Euronews berichtet, erläuterte stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Grupa Virtus Andrzej Kensbok das Vorhaben. Kensbok war zuvor unter anderem Finanzvorstand von KGHM Polska Miedź und Vorstandsvorsitzender der Polnischen Rüstungsgruppe.
Auf die Frage nach der Definition kritischer Rohstoffe erklärte Andrzej Kensbok: „Das sind Rohstoffe, die für die Herstellung all dessen gebraucht werden, ohne das eine Wirtschaft zum Stillstand kommt: Mikroprozessoren, Stromwandler, Motoren, Antriebe, Waffen, Hochleistungselektronik, Fahrzeuge, Batterien. Sie entscheiden darüber, ob ein Staat oder eine Region im globalen Wettbewerb mithalten kann.“ Zu diesen Elementen gehören vor allem Metalle wie Nickel, Lithium, Kobalt, Kadmium, Antimon, Bismut, Wolfram oder Molybdän sowie sogenannte Metalle der Seltenen Erden wie Neodym oder Hafnium.
Wertvolle Metalle aus anthropogenen Lagerstätten
Polen verfügt über reiche natürliche Kupfervorkommen, die vor allem durch KGHM Polska Miedź abgebaut werden. Daneben setzt Grupa Virtus auf sogenannte anthropogene Lagerstätten, also durch menschliche Tätigkeit entstandene Industrieabfälle. Dazu zählen Schlackenhalden der Hüttenindustrie aus vergangenen Jahrzehnten sowie laufend anfallende Abfälle wie Kabel, Elektronik und Batterien. „Polen erzeugt wie alle hochentwickelten Länder viele laufende Abfallströme, die sich weiterverarbeiten lassen“, erklärte Kensbok. Er wies darauf hin, dass die Kupferproduktion von KGHM bereits zu rund 30 Prozent aus Schrottkupfer besteht.Die Rückgewinnung dieser Sekundärrohstoffe ist laut Kensbok wirtschaftlich hochgradig attraktiv. Während eine Tonne Kupfer vor einigen Jahren noch 1.500 Dollar kostete, liegt der Preis heute zwischen 10.000 und 12.000 Dollar. Kensbok betonte: „In einigen technologischen Prozessen ist ein Einsatz aus dem Recycling unverzichtbar – etwa in der Stahlproduktion, die auf Schrott als Einsatzmaterial angewiesen ist. In anderen Bereichen entscheiden Nachfrage, Angebot und Metallpreise.“ Auch die Beteiligung von Edelmetallen wie Gold, Palladium oder Platin mache das Recycling profitabel. Die Abnehmer der recycelten Metalle kommen unter anderem aus der Automobil-, Elektronik- und Rüstungsindustrie.
Eine mobile und umweltfreundliche Technologie
Die für das Recycling genutzte Technologie wurde in Polen von Professor Przemysław Łoś und seinem Team an der Technischen Universität Breslau zusammen mit der Schlesischen Technischen Universität und dem Institut für Nichteisenmetalle entwickelt. Sie ist in Containern untergebracht und somit mobil einsetzbar. „Wir sind der Auffassung, dass Abfälle dort verarbeitet werden sollten, wo sie lagern“, so Kensbok. Die Technologie arbeitet als geschlossenes System, bei dem Säuren elektrolytisch gereinigt und wiederverwendet werden, was den Prozess umweltfreundlich macht. Eine erste Pilotanlage entsteht derzeit in Niederschlesien.Das Projekt zahlt auch auf das Ziel der Europäischen Union ein, sich von Rohstoffimporten aus China unabhängiger zu machen. Bis 2030 will die EU mindestens 25 Prozent ihres Bedarfs an kritischen Rohstoffen aus dem Recycling decken – aktuell liegt dieser Anteil bei lediglich zwei bis drei Prozent. Kensbok sieht in der polnischen Industriepolitik und den über 1.350 dokumentierten Abraumhalden des Landes ein großes Potenzial: „Wir stehen für freien Markt und arbeiten auch mit chinesischen Partnern zusammen. Die Europäische Union möchte aber, dass ein Teil der kritischen Rohstoffe aus EU-internen, sekundären Quellen stammt – also aus Recycling.“ Das Unternehmen plant, die erste Anlage im Winter dieses Jahres in Betrieb zu nehmen.