Chinas Wirtschaftswachstum flacht im zweiten Quartal deutlich ab
Im Zeitraum von April bis Juni verzeichnete China ein Wirtschaftswachstum von 4,3 Prozent. Trotz eines anhaltenden Exportbooms blieben die amtlichen Zahlen hinter den Erwartungen zurück.
Wie Euronews berichtet, hat die Regierung am Mittwoch die neuen Wirtschaftsdaten für den Zeitraum von April bis Juni vorgelegt. „Das war das schwächste Wachstum in einem Quartal seit dem vom Lockdown geprägten vierten Quartal 2022“, schrieb Chefökonomin für Großchina bei der ING-Bank Lynn Song in einer Analyse. China hat die breiteren wirtschaftlichen Folgen des Kriegs im Iran bisher weitgehend abgeschüttelt, obwohl die stark gestiegenen Energiepreise die weltweite Inflation anheizen. Die Ausfuhren legten in der ersten Jahreshälfte im Vergleich zum Vorjahr um 17,6 Prozent zu; im Juni allein betrug das Plus 27 Prozent, wie Zolldaten zeigen.
Trotz der allgemeinen Abschwächung zeigen die Konsumausgaben einige robuste Signale. Nach Angaben des Nationalen Statistikamts Chinas sind die Einzelhandelsumsätze im Juni im Jahresvergleich um ein Prozent gestiegen. Damit holten sie den Rückgang aus dem Mai auf und übertrafen die Erwartungen. Besonders kräftig legten die Verkäufe von Kommunikationstechnik und Kosmetika zu, während Käufe von Autos und anderen teuren Gütern verhalten blieben. Auch die Industrieproduktion übertraf die Prognosen. Sie stieg im Juni im Jahresvergleich um 5,3 Prozent und zog damit gegenüber dem Mai an, getragen von einer stärkeren Fertigung.
Strukturelle Ungleichgewichte in der chinesischen Wirtschaft
Einige Ökonominnen und Ökonomen sehen Chinas Wirtschaft zunehmend aus dem Gleichgewicht. Der Staat und private Anleger stecken viel Geld in Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, Computerchips und Robotik. Dagegen bleiben Bereiche wie einfache Fertigung und arbeitsintensive Dienstleistungen zurück. Die Exporte von Hightech-Produkten wie Elektrofahrzeugen, Computerchips und anderer Elektronik sind deutlich gestiegen. Geholfen haben üppige Staatshilfen, nachdem Chinas Staats- und Regierungschefs die Entwicklung moderner Technologien zur Priorität erklärt haben.China erzielte im vergangenen Jahr einen Rekordüberschuss im Welthandel von 1,2 Billionen US-Dollar (1,05 Billionen Euro). Das sorgt in anderen Staaten für Kritik an den Handelsungleichgewichten mit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Viele Regierungen verweisen auf die umfangreichen Staatssubventionen, die zu einem Überangebot an Industrieerzeugnissen führen, das schließlich in den Export geht. Wie in vielen Ländern weckt auch in China die Ausbreitung von KI und Robotik Sorgen. Viele fragen sich, ob Unternehmen genügend Arbeitsplätze schaffen, um das Wachstum langfristig zu sichern.
Herausforderungen für das Wachstumsmodell
China bleibt stark auf seine Ausfuhren angewiesen, um das Wachstum zu stützen. „Chinas Wachstumsmodell ist dadurch immer unausgewogener geworden“, sagte Professor für Volkswirtschaft und Handelspolitik an der Cornell University Eswar Prasad. Eine deutlich stärkere Binnennachfrage aufzubauen, werde schwierig, solange das Vertrauen so schwach sei, fügte er hinzu.Auch stellvertretender Leiter des Nationalen Statistikamts Chinas Ma Shengyong äußerte sich vor Journalistinnen und Journalisten zur Lage. Angesichts der zunehmend unsicheren Weltlage bleibe das Missverhältnis zwischen starkem Angebot und schwacher Nachfrage im Inland „weiterhin ausgeprägt“, erklärte er. China wolle sich auf Hightech-Produktion konzentrieren und „hochwertigeres Wachstum“ anstreben. Zugleich solle ein starker Binnenmarkt entstehen, und der Staat werde Maßnahmen ergreifen, um die Beschäftigung zu stabilisieren.