Vorwürfe wegen mutmaßlicher Hinrichtungen ukrainischer Kriegsgefangener
Kyjiw wirft der russischen Armee die gezielte Tötung von Hunderten Kriegsgefangenen seit Beginn der Invasion vor. Während die Ukraine von einer systematischen Strategie spricht, weist Moskau die Anschuldigungen zurück.
Der Fall des ukrainischen Soldaten Andriy Dubnytsky verdeutlicht das Schicksal vieler Betroffener. Seine Ehefrau Lyudmyla Dubnytska erhielt im Februar 2024 die Nachricht „Wir geraten in Gefangenschaft“ – danach war er tot. Zwei Tage später erkannte die heute 27-Jährige den Leichnam ihres 25-jährigen Mannes in einem Video in den sozialen Netzwerken, das eine Gruppe getöteter ukrainischer Soldaten zeigte. Der Soldat der 110. Brigade war während des Rückzugs aus der inzwischen von Russland eroberten ostukrainischen Stadt Awdijiwka verwundet worden und mit fielen Kameraden, von denen vier ebenfalls verletzt waren, auf seiner Stellung geblieben. Als er seine Frau am 15. Februar anrief, sei er „extrem nervös gewesen und habe geweint“, erzählt Dubnytska der Nachrichtenagentur AFP. Um sich Mut zu machen, planten sie ein weiteres Kind. Wenige Stunden später brach der Kontakt ab.
Ein von ukrainischen Medien veröffentlichtes Video soll zeigen, wie sein Kamerad Ivan Zhytnyk per Video mit einem Angehörigen telefoniert, während ein russischer Soldat ihn auffordert, die Waffen niederzulegen. Zwei Tage später entdeckte Dubnytska in russischen sozialen Netzwerken ein Video, das fünf Leichen in einer zugefrorenen, blutroten Wasserlache zeigte. Sie identifizierte ihren Mann an einem Kreuz-Tattoo auf der Hand.
Ermittlungen wegen mutmaßlicher Erschießungen
Die 110. Brigade bestätigte den Tod mehrerer Soldaten, darunter Dubnytsky und Zhytnyk, und wirft den russischen Streitkräften vor, eine Vereinbarung zur Evakuierung der Verwundeten gebrochen zu haben. Wie Euronews berichtet, leitete die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft Ermittlungen wegen der mutmaßlichen „Erschießung unbewaffneter ukrainischer Kriegsgefangener“ ein. Nach Angaben ukrainischer Behörden handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Staatsanwalt Andriy Atamantchuk, der bei der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen betreut, erklärte gegenüber AFP: „Das geht auf eine russische Politik zurück, die solche Verbrechen faktisch begünstigt und ermöglicht. Kommandeure geben entsprechende Befehle.“
Steigende Opferzahlen
Ein Bericht der Vereinten Nationen dokumentiert 129 bestätigte Hinrichtungen ukrainischer Kriegsgefangener und warnte bereits im Vorjahr vor einem „deutlichen Anstieg“. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft hat laut Atamantchuk bislang 116 Ermittlungsverfahren wegen der Tötung von 306 ukrainischen Soldaten eingeleitet, wobei die Dunkelziffer weitaus höher liegen dürfte. Ein Vertreter des ukrainischen Militärgeheimdienstes, der anonym bleiben wollte, gab gegenüber AFP an, die Behörde habe „mehr als 900 Militärangehörige“ erfasst, die seit 2022 in „mehr als 340“ Vorfällen getötet wurden. Diese Fälle machten schätzungsweise lediglich „zwischen 25 und 40 Prozent“ aller Hinrichtungen aus. Die Abweichungen erklären die Behörden mit unterschiedlichen Erfassungsmethoden: Während die Generalstaatsanwaltschaft nur auf „dokumentierte und belegte Fakten“ zurückgreift, erhält der Geheimdienst schneller Berichte von den Frontverbänden.
Schwierige Suche nach Gerechtigkeit
Moskau weist die Vorwürfe zurück und beschuldigt die Ukraine vergleichbarer Taten. Nach den Genfer Konventionen stehen kapitulierte Soldaten unter besonderem Schutz. Der ukrainische Militärgeheimdienst macht unter anderem die russische Söldnergruppe Wagner für den brutalen Umgang verantwortlich, die mit ihren Reihen ehemaliger Strafgefangener den Ton gesetzt habe. Die meisten Gefangenen werden laut ukrainischen Angaben erschossen. Für weltweite Aufmerksamkeit sorgte 2023 ein Video, das die Erschießung eines ukrainischen Kriegsgefangenen zeigt, nachdem dieser „Ruhm der Ukraine“ gerufen hatte. Es gibt zudem Berichte über Enthauptungen. Bislang wurden in der Ukraine jedoch nur fünf russische Soldaten wegen mutmaßlicher Hinrichtungen verurteilt, zwei davon in Abwesenheit. Atamantchuk betonte gegenüber AFP, wie aufwendig die Ermittlungen ohne Zugang zu den Kampfgebieten seien. Dennoch hoffe er, den Familien „Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“, indem er ihnen zumindest „die Namen derjenigen nennen kann, die ihre Angehörigen getötet haben“. Für Lyudmyla Dubnytska wäre dies jedoch kein Trost: „Ich wüsste nicht, wie mir das irgendwie Erleichterung verschaffen sollte, selbst wenn ich eines Tages wüsste, wer es war“, sagt sie. Die russischen Behörden ließen eine AFP-Anfrage unbeantwortet.