Katastrophenschutz nach der Ahrtal-Flut: Fortschritte und offene Fragen nach fünf Jahren
Fünf Jahre nach der verheerenden Sturzflut im Ahrtal zieht die Region Bilanz beim Wiederaufbau und Katastrophenschutz. Während Ausrüstung und Pläne verbessert wurden, bleibt die politische und juristische Aufarbeitung umstritten.
Am Tag der Flut in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021, bei der 136 Menschen in Rheinland-Pfalz und 49 in Nordrhein-Westfalen starben, fehlte es an elementarer Ausrüstung. Damaliger Feuerwehrchef Torsten Claesgens erinnert sich an die Situation im abgeschnittenen Dorf Ahrbrück. Eine Drohne wäre damals Gold wert gewesen: "Um auf die andere Seite der Ahr zu kommen, um zu schauen: Was ist da los? Wie geht es den Leuten?" Inzwischen hat die Feuerwehr Ahrbrück eine Drohne sowie ein Quad angeschafft – allerdings finanziert durch Spenden und nicht durch den Staat.
Dennoch hat sich im Katastrophenschutz einiges getan, wie die Tagesschau berichtet. Seit 2021 wurden in Rheinland-Pfalz über 850 neue Sirenen mit Unterstützung von Bund und Land errichtet. Zudem schaffte die Landesregierung zwei neue Polizeihubschrauber mit Rettungswinden an, um Menschen im Notfall abseilen zu können.
Evakuierung und die Rolle der Einsatzpläne
Neben der Technik sind konkrete Pläne entscheidend. In Ahrbrück reagierte die Feuerwehr entschlossen auf eine extreme Pegelprognose. "Und dann haben mein Vertreter und ich uns mal tief in die Augen gesehen und haben gesagt, dann werden wir jetzt evakuieren", erinnert sich Claesgens. Trotz der Evakuierung des Dorfs starben in Ahrbrück neun Menschen, doch viele andere überlebten dank des gezielten Handelns.Ein landkreisweiter Plan fehlte jedoch im gesamten Ahrtal. Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelte gegen damaliger Landrat des Kreises Ahrweiler Jürgen Pföhler (CDU) wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Die Ermittlungen wurden 2024 eingestellt, was auf scharfe Kritik stieß. Die Staatsanwaltschaft stellte fest: "Es gab keine landkreisspezifischen Alarm- und Einsatzpläne, auch keine Evakuierungspläne." Leiter der Staatsanwaltschaft Mario Mannweiler erklärte, der Landrat trage zwar die politische Verantwortung, es sei jedoch nicht nachzuweisen, dass bei einer besseren Organisation "der Tod von Menschen verhindert worden wäre". Pföhler wies die Vorwürfe zurück.
Die Hinterbliebenen reagierten empört. Simone Willkommen verlor in der Flutnacht ihren Sohn Stevie, der in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Sinzig lebte. Sie betont: "Ich möchte, dass ein unabhängiges Gericht entscheidet, ob der Landrat schuldig ist oder nicht".
Politische Konsequenzen im Landtag
Ein Untersuchungsausschuss des Landtags Rheinland-Pfalz befasste sich intensiv mit dem Verhalten der Landesbehörden. Damalige Umweltministerin Anne Spiegel trat 2022 als Bundesfamilienministerin zurück, nachdem bekannt wurde, dass sie kurz nach der Flut in den Urlaub gereist war. Auch Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) trat zurück, nachdem Videos eines Polizeihubschraubers aus der Flutnacht öffentlich wurden. Damalige Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) erklärte vor dem Ausschuss mehrfach, in der Flutnacht keine Kenntnis von der dramatischen Lage gehabt zu haben.Fünf Jahre nach der Katastrophe wurden die Strukturen neu geordnet. Seit 2025 gibt es das neue Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz in Koblenz, das alle drei Stunden Lageberichte erstellt. Der Kreis Ahrweiler verfügt seit wenigen Wochen über einen Alarm- und Einsatzplan. Claesgens befürwortet die neuen Strukturen, fordert jedoch weiterhin entschlossenes Handeln auf allen Ebenen: "Die Frage", sagt er, "muss erlaubt sein: Wenn wir auf diese Idee gekommen sind, als kleine Ortsfeuerwehr, warum dann nicht andere Stellen - auch übergeordnete Stellen?"