Hochwasserschutz im Ahrtal: Geograf warnt vor mangelnder Erfahrung bei Extremereignissen
Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe im Ahrtal beleuchtet Geograf Thomas Roggenkamp die Herausforderungen des Hochwasserschutzes. Er betont die Notwendigkeit von Frühwarnsystemen und warnt, dass vielen Regionen die Erfahrung mit extremen Hochwassern fehlt.
Der Wiederaufbau im hochwassergefährdeten Ahrtal stößt auf fachliche Bedenken, ist jedoch der ausdrückliche Wunsch der heimatverbundenen Bevölkerung. Neben technischen Schutzmaßnahmen wie Rückhaltebecken gewinnen Frühwarnsysteme und die persönliche Vorbereitung der Menschen an Bedeutung. Da extreme Hochwasserereignisse durch den Klimawandel zunehmen, muss der Blick auch auf andere gefährdete Mittelgebirgsregionen gerichtet werden. In einem Interview mit Moderator Ingo Zamperoni für die tagesthemen, über das die Tagesschau berichtet, äußert sich Geograf Thomas Roggenkamp vom Geographischen Institut der Universität Bonn zu den Herausforderungen des Hochwasserschutzes. Roggenkamp, der speziell zum Ahrtal geforscht hat, erklärt zur Situation vor Ort: „Im Ahrtal sind viele Orte komplett auf einem Raum gebaut worden, der dem Fluss gehört, der Überschwemmungsgebiet ist. Entsprechend kritisch sieht man den Wiederaufbau - aber auch nur von außen. Ich habe die Menschen im Ahrtal als sehr heimatliebend kennengelernt. Insofern ist es eigentlich weniger die Frage, ob wir nicht wieder aufbauen oder die Orte zurückbauen. Das ist nicht realistisch und ist auch nicht gewünscht von den Menschen im Ahrtal. Es geht darum: Wie können wir die Menschen, die hier leben, am besten vor Hochwasser schützen?“
Klimawandel und die Rolle von Frühwarnsystemen
Auf die Frage nach der Rolle des Klimawandels und den Konsequenzen für den Hochwasserschutz entgegnet Roggenkamp: „Der Hochwasserschutz richtet sich an Erfahrungswerten aus der Vergangenheit, durch Pegelmessungen zum Beispiel. Und der Klimawandel ist ein Prozess, der momentan stattfindet. Durch den Klimawandel werden diese Ereignisse, vor allem Starkregenereignisse, eher häufiger werden als seltener. Und dementsprechend werden auch extreme Hochwasserereignisse eher häufiger werden. Also muss man sich in Zukunft eher auf solche Ereignisse einstellen.“
Zur Überwachung von Wasserständen und Regenmengen in Nebenflüssen mittels Sensoren sagt der Geograf: „Ja, auf jeden Fall. Man muss sich das so vorstellen, dass nicht das Hochwasser in der Ahr selber entsteht, sondern in den vielen zahlreichen Nebenbächen. Dort entstehen kleinere Wellen, die sich dann in der Ahr auftürmen zu einer großen Welle. Insofern ist es sehr sinnvoll, auch die schon im Blick zu haben. Neben dem ganzen technischen Hochwasserschutz ist es sehr wichtig, vorbereitet zu sein und zu wissen, was kommt. Gerade hier, wo Hochwasser schnell entstehen. Wir haben wenig Zeit, um darauf zu reagieren. Das heißt: Je früher wir wissen, dass ein Hochwasser entsteht in den Bächen, desto früher können wir warnen und desto besser können die Menschen darauf reagieren.“
Herausforderung Rückhaltebecken
Ein wirksamer Schutz durch mindestens 17 geplante Rückhaltebecken sei laut Roggenkamp ein langfristiges Unterfangen. Er führt aus: „Es ist zumindest eine Idee, die, was den technischen Hochwasserschutz angeht, am wirksamsten wäre: Dass wir an den kleineren Bächen ansetzen, um dort diese Rückhaltebecken zu bauen und das Wasser im Falle eines extremen Hochwassers zurückzuhalten. Es ist im Prinzip die einzige Möglichkeit, wenn wir wirklich Wasser aus den Orten raushalten wollen, wenn wir von großen Hochwassern sprechen. Wie realistisch ist das? Das ist ein sehr großes Projekt, ein Projekt, das über Jahre und Jahrzehnte wahrscheinlich gehen wird, wenn es denn realisiert wird. Insofern bleibt zu hoffen, dass viel davon umgesetzt wird. Umso wichtiger ist, dass wir uns nicht zu sehr auf den technischen Hochwasserschutz verlassen, sondern auch wirklich eher den vorbereitenden Hochwasserschutz in den Blick nehmen und zu wissen, wie reagiere ich eigentlich im Fall der Fälle.“
Gefahrenpotenzial anderer Regionen
Das Ahrtal sei dabei kein Einzelfall. Roggenkamp betont: „Das Ahrtal ist kein Raum, der da einmalig ist, was die Voraussetzungen angeht für Hochwasser. Hier haben wir ein tief eingeschnittenes Tal, steile Hänge, Wasser kann sich schnell sammeln. Die Böden sind sehr dünn, die können Wasser kaum aufnehmen. Das heißt, der Raum hier begünstigt die Entstehung von schnellen Hochwassern. Aber das ist nicht nur im Ahrtal so, also gerade Mittelgebirgsflüsse weisen häufig genau diese Eigenschaften auf. Insofern müssen wir den Blick auch auf andere Flusssysteme richten, wo die Gefahr genauso besteht.“
Bezüglich der Vorbereitung anderer Regionen im Vergleich zum Ahrtal erklärt der Wissenschaftler abschließend: „Hier hat man jetzt den Erfahrungsschatz eines extremen Hochwassers, das gerade mal fünf Jahre her ist. Wir sind in Deutschland ziemlich gut vorbereitet auf kleinere und mittlere Hochwasser. Aufgrund der Erfahrungen, die wir in den Jahren und Jahrzehnten vorher gemacht haben, weil diese Ereignisse einfach häufiger stattfinden. Aber häufig fehlt der Erfahrungsschatz, wenn es um extreme Ereignisse geht. Und erst wenn sie stattgefunden haben, wissen wir, was das Potenzial eigentlich dieser Flüsse ist und reagieren dann darauf.“
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