Kultur als Infrastruktur: Plädoyer für ein gemeinsames europäisches Narrativ
Europa sollte seine historischen Unterschiede nicht angleichen, sondern als gemeinsame Ressource nutzen. Ein neues europäisches Narrativ könnte dabei helfen, die vielfältigen nationalen Geschichten in konkrete Zusammenarbeit zu übersetzen.
Viele Geschichten, eine Story. Hauptsache, am Ende versteht jeder, wer das Bier bezahlt.
— Rocky, Chefkolumnist
Illustration: KI-generiert
Europa ist kein aufgeblähter Nationalstaat, sondern ein gemeinsames politisches Projekt aus sehr unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Geschichten. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diese historischen Unterschiede in eine gemeinsame Grammatik und ein verbindendes Narrativ zu übersetzen. Die Formel „Einheit in Vielfalt“ muss dabei als politischer Auftrag verstanden werden, um Unterschiede in gemeinsame Handlungsfähigkeit zu verwandeln. Europa teilt eine Geschichte, aber nicht immer die gleiche Erinnerung an diese Geschichte. Was für die einen Befreiung war, bedeutete für andere Niederlage; was für die einen Expansion war, war für andere Verlust. Der eigentliche europäische Auftrag besteht daher nicht darin, eine einzige Erinnerung zu gießen, sondern eine geteilte Erzählung zu formen, wie Euronews berichtet. Hierbei kann die transatlantische Erfahrung einen wichtigen Schlüssel liefern. Die atlantische Dimension von Ländern wie Spanien, Portugal, Frankreich, den Niederlanden oder dem Vereinigten Königreich galt lange Zeit als bloße Verlängerung ihrer nationalen Erzählungen. Im Fall Spaniens ist dieses Verhältnis von klaren Spannungen wie Stolz, Schuld, Erinnerung, Kritik, Zugehörigkeit, Wunde und Chance geprägt. Spanien erscheint oft zugleich als südliches, mediterranes, atlantisches und amerikanisches Europa; zu europäisch für Amerika und zu amerikanisch für eine enge Vorstellung von Europa. Dieses Unbehagen stellt jedoch keine Schwäche dar, sondern kann als Vorteil und wertvolle Leistung für das gemeinsame Projekt verstanden werden.
Die Herausforderung der EU
Die Europäische Union hat einen Binnenmarkt aufgebaut, gemeinsame Institutionen und teilweise auch eine gemeinsame Außenpolitik. Eine Aufgabe steht jedoch weiter aus: ihre historischen Unterschiede in eine gemeinsame Grammatik zu übersetzen. Jede atlantische, mediterrane, mitteleuropäische, baltische oder balkanische Erfahrung kann das europäische Projekt erweitern, sobald sie nicht länger als exklusives Eigentum eines Staates gilt, sondern als Ressource für alle. Diese Veränderung braucht eine kulturelle und politische Entscheidung, nationale Geschichten in das gemeinsame europäische Narrativ einzubetten. Spanischer Schauspieler Federico Gallardo, der eine Laufbahn in Film, Fernsehen und Streaming-Plattformen zwischen Spanien, Mexiko und den Vereinigten Staaten aufgebaut hat, treibt parallel Kulturprojekte voran, die sich mit Erinnerung, Kulturerbe und transatlantischen Beziehungen befassen. Er ist Initiator des Archivo Indiano de Identidades Transatlánticas, einer Initiative, die historische, kulturelle und menschliche Verflechtungen zwischen Europa und Amerika erkundet. Seine Arbeit verbindet künstlerisches Schaffen, Kulturmanagement sowie Reflexion über europäische Identität und kulturelle Diplomatie.
Kultur als strategische Infrastruktur
In einer fragmentierten Welt, in der Einfluss nicht mehr nur in militärlicher oder wirtschaftlicher Macht gemessen wird, sondern auch in Vertrauen, Legitimität und Verbindungsfähigkeit, ist Kultur kein Beiwerk mehr, sondern wird zur Infrastruktur. Deshalb sollten Kulturerbe, Bildung, Hochschulen und Kreativwirtschaft im Zentrum der Strategie stehen. Den strategischen Wert der transatlantischen Bindung anzuerkennen, bedeutet nicht, ihre Schatten zu übermalen, sondern die Vergangenheit ehrlich zu nutzen. Diese Logik berührt auch die aktuelle Debatte über die Integration in Europa. Bevor gefragt wird, wie neue Gemeinschaften aufgenommen werden, muss geklärt werden, welche gemeinsame Erzählung Europa anbietet: nicht eine abgeschlossene, ausschließende oder uniforme, sondern eine, die klar genug ist, um verstanden zu werden, und weit genug, um vielen Platz zu bieten. Europa wird nicht stärker, indem es eine verkleinerte Version seiner selbst verwaltet, sondern indem es lernt, mit all seinen Bestandteilen zu wachsen.
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