Wandel der Desinformation: Angriffe auf Klimapolitik ersetzen offene Leugnung
Experten beobachten eine Verschiebung bei Falschinformationen zum Klimawandel. Statt die Erderwärmung an sich zu bestreiten, geraten zunehmend politische Maßnahmen und Wissenschaftler ins Visier.
Experten beobachten eine deutliche Verschiebung bei Desinformationskampagnen zum Klimawandel. Statt die globale Erwärmung grundsätzlich zu leugnen, zielen Falschmeldungen heute verstärkt darauf ab, konkrete Klimaschutzmaßnahmen und die Wissenschaft selbst zu diskreditieren. Dieser Wandel spiegelt sich auch in politischen Debatten und Reaktionen auf extreme Wetterereignisse wider. Seit Jahrzehnten entkräften Wissenschaftler Behauptungen, nach denen kalte Winter belegten, die globale Erwärmung sei nur ein Schwindel. Sie wenden sich auch gegen die Behauptung, das Klima verändere sich ohnehin von selbst und die Menschheit treffe deshalb keine Verantwortung. So mussten sie überhaupt erst belegen, dass es die Klimakrise gibt. Dennoch beobachten Experten, dass sich diese Desinformationsnarrative zunehmend wandeln. Heute zielen sie eher darauf ab, Umweltpolitik und Klimaschutz in Verruf zu bringen, statt die Erderwärmung grundsätzlich zu leugnen. „Die Zeit der offenen Klimaleugnung ist so gut wie vorbei“, sagt Forschungsleiter der Digitalagentur 411 Ned Mendez im Gespräch mit dem Verifikationsteam von Euronews, The Cube, wie Euronews berichtet. „Die Desinformationsindustrie ist eine Stufe weitergerückt. Heute geht es weniger darum, ob die Erderwärmung real ist, sondern ob die Reaktion darauf umsetzbar, gerecht und ihren Preis wert ist.“ Auch Generalsekretärin der französischen Beobachtungsstelle gegen Klimadesinformation Quota Climat Eva Morel stellt fest: „Wenn wir an Desinformation denken, stellen wir uns meist vor, dass jemand die Existenz des Klimawandels oder seinen menschengemachten Ursprung bestreitet. Was wir heute sehen, ist jedoch, dass dies nicht mehr die häufigste Form ist, die dieses Phänomen annimmt.“ Das fügt sich in einen größeren politischen Kontext eines sogenannten „Greenlash“ ein. Das Kunstwort aus „green“ und „backlash“ beschreibt den wachsenden politischen Widerstand gegen Klimapolitik.
Politischer Kontext und aktuelle Debatten
Trotzdem hängt Klimadesinformation stark vom aktuellen Nachrichtengeschehen ab, betont Morel. Sie entsteht rund um politische Debatten, neue klimapolitische Strategiepapiere, große internationale Treffen wie COP-Konferenzen oder EU-Gipfel sowie Ereignisse wie Hitzewellen, Überschwemmungen und Waldbrände. Diese Erzählungen beschränken sich nicht auf soziale Medien. Unter europäischen Staats- und Regierungschefs herrscht zwar Einigkeit, dass der Klimawandel real ist und bekämpft werden muss. Klimaleugnung bleibt aber Teil der politischen Landschaft. Beispielsweise stellt in Deutschland die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland (AfD) den wissenschaftlichen Konsens infrage, wonach der Klimawandel vom Menschen verursacht wird. Andere wiederum greifen Aussagen von US-Präsident Donald Trump auf, der den Klimawandel wiederholt als „Betrug“ bezeichnet hat und europäische Regierungen für ihre Klimapolitik attackiert. Solche Maßnahmen diffamierte er als „Green New Scam“.
Hitzewellen und Naturkatastrophen befeuern Falschmeldungen
Dennoch tauchen weiter falsche Behauptungen über den Charakter des Klimawandels auf. Sie gehen meist Hand in Hand mit irreführenden Aussagen über Klimapolitik. Im Juni führte die Rekordhitzewelle in Europa zu einem sprunghaften Anstieg von Falschinformationen. In den sozialen Medien verbreiteten sich Beiträge, die behaupteten, hohe Temperaturen seien keineswegs ungewöhnlich. Nutzer verwiesen auf frühere Hitzewellen, etwa in den 1970er-Jahren in London, und stellten sie als Beleg dar. Klimaforscher betonen, dass diese Behauptungen irreführend sind. Sie berichten zudem von mehr Anfeindungen und Belästigungen, weil viele Menschen ihnen im Netz die Schuld an vermeintlich gescheiterter Klimapolitik geben. „Viele Menschen behaupten, Klimaforschende seien am Ende selbst schuld“, sagt Morel. „Sie seien zu alarmistisch, hätten zu wenig erklärt, auf die falschen Lösungen gesetzt und falsche Entscheidungen getroffen. So verlagert sich die Schuld auf die Expertinnen und Experten.“Falschnarrative rund um die jüngste europäische Hitzewelle stehen nicht allein. Als im Oktober 2024 innerhalb eines Tages so viel Regen auf den Osten Spaniens niederging wie sonst in einem ganzen Jahr, verbreitete sich ebenfalls Desinformation zu einer der tödlichsten Naturkatastrophen in der Geschichte des Landes, bei der mehr als 230 Menschen starben. Zu den falschen Behauptungen gehörten Vorwürfe, Staudämme seien absichtlich geöffnet oder entfernt worden, um die Überschwemmungen zu verstärken. Andere machten die Biodiversitätsstrategie der EU und Programme zur Renaturierung von Flüssen für die Katastrophe verantwortlich. Politiker der rechtsnationalen Partei Vox, die die Realität des Klimawandels infrage stellt, gehörten zu den treibenden Kräften hinter diesen Erzählungen. Ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber Institutionen stützt solche Narrative, erklärt Mendez. „Wer Behörden grundsätzlich misstraut, glaubt auch nützlichen Hinweisen nicht mehr. Wenn etwa gewarnt wird, dass der Wasserstand um 16 Uhr hoch sein wird, denken manche: Sie erfinden das nur, um uns etwas aufzuzwingen.“
Grundmuster der Desinformation
Bei Klimadesinformation tauchen bestimmte Erzählmuster immer wieder auf. Eines davon stellt die grüne Transformation als „Strafaktion“ dar, aufgezwungen von einer fernen Elite in Brüssel. Mit der grüne Transformation ist der weltweite Umstieg von stark verschmutzenden Industrien und fossilen Energien auf nachhaltige, klimafreundliche Wirtschaftsweisen gemeint. Die Kritik daran flammt regelmäßig auf, sobald neue Umweltgesetze anstehen. Sie tarnt sich dann oft als vermeintlich legitime Debatte über Wettbewerbsfähigkeit und Bürokratie, sagt Mendez. „Damit verknüpft sind Vorwürfe gegen angebliche Heuchler, die mit dem Privatjet fliegen und gleichzeitig über dein Auto oder über Windräder predigen“, so Mendez. „Das ist inhaltlich kaum belegt, greift aber andere Kulturkampfthemen auf.“Ein weiteres Online-Narrativ richtet sich gezielt gegen erneuerbare Energien wie Wind- und Solarstrom. Sie werden als „fremder Eingriff“ dargestellt, der die „Klimasouveränität“ zerstöre. So war es auch während des Stromausfalls auf der Iberischen Halbinsel im Frühjahr 2025, als in Festlandportugal und im spanischen Kernland weite Teile des Netzes zusammenbrachen. Der Vorfall löste eine Welle der Kritik an erneuerbaren Energien aus. Viele Spekulationen behaupteten, Spaniens Abhängigkeit von Sonne und Wind habe das Netz destabilisiert und den Blackout ausgelöst. Kritiker stellten diese Deutung rasch infrage. Ein Abschlussbericht von ENTSO-E, dem europäischen Verbund der Übertragungsnetzbetreiber, kam zu dem Schluss, dass mehrere Faktoren zusammenwirkten, darunter Probleme bei der Spannungsregelung und Netzschwingungen.
Auf den griechischen Inseln Kreta und Paros kämpfen hunderte Feuerwehrleute gegen anhaltende Waldbrände. Aufgrund der starken Winde und schwierigen Bedingungen bleibt die Lage in mehreren Regionen angespannt.
Eine neue wissenschaftliche Untersuchung zeigt, dass der Klimawandel extreme Brandbedingungen in Spanien und Frankreich massiv verschärft. Während Südeuropa brennt, warnt die UN vor den Folgen fossiler Energieträger.
Während die Nachfrage nach Halbleitern für Künstliche Intelligenz hoch ist, droht durch den Ausbau von Fabriken und das Aufholen Chinas eine weltweite Chipschwemme.
Nach einem Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta sind mindestens 15 Menschen im Meer ertrunken. Die spanische Regierung hat das Militär zur Unterstützung der Sicherheitskräfte entsandt.
Nachdem binnen 24 Stunden mehr als 49.000 Migranten die spanische Exklave Ceuta erreicht haben, ist die Lage vor Ort chaotisch. Die Krise sorgt auch für diplomatische Spannungen innerhalb Europas.
Auf der kapverdischen Insel Santiago führt die illegale Sandgewinnung für die Bauwirtschaft zu schweren Umweltschäden. Viele Frauen sehen in der harten Arbeit dennoch die einzige Möglichkeit, ihre Familien vor dem Verhungern zu bewahren.