Energieexperten fordern raschen Netzausbau und stärkere Elektrifizierung in Europa
Um künftigen Preisschocks bei fossilen Energieträgern zu entgehen, muss Europa seine Wirtschaft zügig elektrifizieren. Führende Experten dringen auf massive Investitionen in die Stromnetze.
Europa befindet sich trotz der neuen Spannungen im Nahen Osten nicht in einer akuten Brennstoffkrise, bleibt jedoch anfällig für Liefer- und Preisschocks bei fossilen Energieträgern. Wie Euronews berichtet, müsse der Kontinent seine Wirtschaft zügig elektrifizieren und dem Druck zu einer Rückkehr zu russischer Energie widerstehen. Dies erklärten führende Energieexperten. Energiekommissar Dan Jørgensen und der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, betonten, Europa dürfe eine mögliche Waffenruhe im Nahen Osten nicht als Rückkehr zur Normalität verstehen. Eine Störung der Straße von Hormus könne die Ölpreise deutlich nach oben treiben und den Inflationsdruck wieder anheizen, warnten sie.
„Wir befinden uns in einer sehr ernsten Lage. Ich sage den Menschen, Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern nicht, sie müssten sich keine Sorgen machen. Leider gibt es Gründe zur Sorge. Aber wir können handeln, und wir werden handeln“, sagte Jørgensen am Freitag zu Euronews. Birol wies darauf hin, dass ein erneuter Stillstand in der strategisch wichtigen Straße von Hormus die Ölpreise weiter steigen lassen könnte. Das hätte „erhebliche Folgen für die Volkswirtschaften“. „Es gibt sehr viele Unwägbarkeiten, die aber nicht aus dem Energiesektor kommen. Sie haben mit Politik zu tun und mit dem, was in dem Konflikt dort passiert“, sagte Birol. Die jüngsten Gefechte in der empfindlichen Energieregion haben die Märkte nervös gemacht. Die ohnehin geringe Zuversicht in der Schifffahrt hängt nur noch an einem seidenen Faden. Dennoch schließen beide eine Wiederaufnahme von Energieimporten aus Russland nach Europa aus. Ein solcher Schritt würde einen der „größten strategischen Fehler“ des Kontinents wiederholen, warnten sie.
Elektrifizierung als langfristige Lösung
Stattdessen sehen sie in einem schnellen Ausbau der Elektrifizierung die langfristige Antwort für Europa: mehr erneuerbare und nukleare Stromproduktion, Investitionen in Netze, Elektroautos und Wärmepumpen sowie Strompreise, die unter denen fossiler Energien liegen. Strom müsse günstiger sein als fossile Energieträger. Ein solcher Kurs würde einen Teil der Forderungen der Industrie aufgreifen: niedrigere Stromrechnungen, schnellerer Umstieg auf elektrische Mobilität, Heizung und Produktion sowie weniger steuerliche Anreize für die Nutzung fossiler Brennstoffe.„Wir müssen die Strompreise für die Menschen bezahlbar machen, damit Verbraucherinnen und Verbraucher, Haushalte und Unternehmen sich für die günstigere Option entscheiden können“, sagte Birol. „Sie steigen nicht auf Strom um, weil er sauber ist, sondern weil er günstig ist.“ Jørgensen deutete die bevorstehende Elektrifizierungsstrategie der EU-Kommission an, deren Entwurf Euronews vorliegt. Die Strategie soll am 17. Juli vorgestellt werden und den Weg zur langfristigen Energiesouveränität ebnen. Nach mehreren Verzögerungen will die EU-Kommission nun ein Ziel für die Elektrifizierung bis 2040 vorlegen. Eine breite Nutzung elektrischer Technologien könnte demnach bis dahin rund 200 Milliarden Euro an Importkosten für fossile Brennstoffe einsparen, den Bedarf an Öl und Gas senken und die Treibhausgasemissionen drücken.